Rohstoffe

Uniper-Verkauf wird zum Milliardentest für den Staat

Nach der Rettung in der Gaskrise soll der Energiekonzern zurück an den Markt – doch mögliche Käufer sind politisch heikel

Der Bund startet den Verkauf seiner Uniper-Anteile und leitet damit eine der größten Reprivatisierungen der jüngeren deutschen Wirtschaftsgeschichte ein. Der Staat will seinen Anteil von rund 99 Prozent auf 25 Prozent plus 1 Aktie senken, um weiter eine Sperrminorität zu behalten. Für Anleger ist der Vorgang interessant, weil Uniper nach der Gaskrise wieder stabiler dasteht und Dividenden zahlen kann. Gleichzeitig bleibt der Konzern Teil kritischer Infrastruktur – und genau das macht die Käufersuche kompliziert.

6 Min.

20.05.2026

Der Bund leitet den Verkauf seiner Beteiligung am Energiekonzern Uniper ein. Gut dreieinhalb Jahre nach der Notverstaatlichung in der Gaskrise soll der Düsseldorfer Konzern schrittweise zurück an den Markt. Der Staat hält derzeit rund 99,12 Prozent der Anteile. Am Ende des Prozesses soll diese Beteiligung auf 25 Prozent plus 1 Aktie sinken. Damit würde der Bund eine Sperrminorität behalten und könnte bei zentralen Entscheidungen weiter mitreden.

Der Schritt war absehbar. Die Europäische Kommission hatte die staatliche Rettung von Uniper 2022 nur unter Auflagen genehmigt. Dazu gehört, dass Deutschland seine Beteiligung bis Ende 2028 wieder deutlich reduziert. Nun startet das Bundesfinanzministerium den Prozess offiziell. Interessenten können bis zum 12. Juni 2026 Absichtserklärungen bei den koordinierenden Investmentbanken UBS und J.P. Morgan einreichen. Geprüft werden ein Verkauf von Aktienpaketen, ein Börsengang oder eine Kombination beider Varianten.

Uniper war 2022 zum Symbol der deutschen Energiekrise geworden. Der Konzern war stark von russischem Gas abhängig und geriet massiv unter Druck, als Gazprom Lieferungen kappte. Uniper musste Ersatzmengen zu deutlich höheren Preisen einkaufen, während langfristige Lieferverpflichtungen gegenüber Kunden weiter bestanden. Der Verlust im Krisenjahr 2022 lag bei rund 19 Milliarden Euro. Ohne staatliche Rettung hätte eine Pleite des Unternehmens die deutsche Energieversorgung schwer erschüttern können.

Der Staat sprang deshalb ein und übernahm Uniper nahezu vollständig. Die Rettung war politisch teuer, aber aus Sicht der damaligen Bundesregierung notwendig. Uniper beliefert zahlreiche Stadtwerke und Industriekunden mit Gas, betreibt Kraftwerke und verfügt über wichtige Gasspeicher. Reuters verweist darauf, dass der Konzern rund 20 Prozent der deutschen Gasversorgung abdeckt, Deutschlands größten Gasspeicher betreibt und Reservekraftwerkskapazitäten vorhält. Damit ist Uniper nicht irgendein Energieunternehmen, sondern Teil der kritischen Infrastruktur.

Genau deshalb ist der Verkauf so sensibel. Der Bund will Einnahmen erzielen und EU-Auflagen erfüllen, darf aber die Versorgungssicherheit nicht gefährden. Das Finanzministerium betont, es werde darauf achten, dass die Zukunftsfähigkeit des Gesamtunternehmens und damit die Versorgungssicherheit Deutschlands gewahrt bleiben. Eine Zerschlagung des Konzerns soll offenbar vermieden werden. Berücksichtigt werden sollen langfristig orientierte Investoren, die Uniper als Ganzes erhalten.

Als mögliche Interessenten werden in Medienberichten unter anderem Brookfield, EPH, Equinor und Taqa genannt. Das zeigt, wie breit das Feld potenzieller Käufer sein könnte: Infrastrukturinvestoren, europäische Energieunternehmen, staatlich geprägte Konzerne und strategische Investoren aus dem Ausland. Genau darin liegt aber auch die politische Brisanz. Bei einem Unternehmen, das für Gasversorgung, Kraftwerksreserven und Energiesicherheit wichtig ist, wird die Herkunft des Kapitals genau geprüft werden.

Für den Kapitalmarkt ist Uniper inzwischen wieder deutlich interessanter als auf dem Höhepunkt der Krise. Der Konzern hat sich von russischen Lieferbeziehungen gelöst, das Geschäft stabilisiert und wieder Dividendenfähigkeit erreicht. Vorstandschef Michael Lewis erklärte, Uniper sei strategisch klarer aufgestellt, finanziell stabiler und wieder in der Lage, Dividenden auszuschütten. Für 2026 erwartet der Konzern ein bereinigtes EBITDA zwischen 1,0 Milliarden und 1,3 Milliarden Euro.

Trotzdem ist die Bewertung schwierig. Der aktuelle Börsenwert liegt nach jüngsten Berichten bei rund 18 Milliarden bis 20 Milliarden Euro. Allerdings ist der Streubesitz extrem gering, weil der Bund fast alle Aktien hält. Der Börsenkurs bildet deshalb nur eingeschränkt ab, was strategische Investoren für größere Pakete zahlen würden. Ein breiterer Börsengang könnte helfen, einen Marktpreis zu finden. Ein direkter Verkauf an wenige Investoren könnte dagegen schneller Erlöse bringen, wäre aber politisch angreifbarer.

Für Steuerzahler ist entscheidend, zu welchem Preis der Bund aussteigt. Die Rettung kostete den Staat Milliarden. Wenn Uniper nun stabilisiert und höher bewertet zurück an den Markt geht, kann ein Teil dieser Last wieder hereingeholt werden. Gleichzeitig darf der Staat nicht zu früh oder zu billig verkaufen. Genau dieser Vorwurf stand bereits bei anderen Teilprivatisierungen im Raum. Der Uniper-Verkauf wird daher auch ein Test für Finanzminister Lars Klingbeil: Er muss Erlöse sichern, EU-Auflagen erfüllen und energiepolitische Kontrolle behalten.

Die Sperrminorität von 25 Prozent plus 1 Aktie ist der Versuch, diese Interessen auszubalancieren. Sie gibt dem Bund keinen vollständigen Zugriff mehr, aber ein wichtiges Vetorecht bei grundlegenden Entscheidungen. Damit kann Deutschland verhindern, dass Uniper gegen nationale Energieinteressen umgebaut, zerlegt oder in riskante Strategien gedrängt wird. Für Investoren kann diese staatliche Restbeteiligung allerdings auch abschreckend wirken, weil sie unternehmerische Freiheit begrenzt.

Auch die Gewerkschaften sehen den Verkauf kritisch. Nach Berichten aus dem Umfeld der Privatisierung warnen Arbeitnehmervertreter vor einer zu schnellen Rückgabe an private Investoren. Sie verweisen auf Beschäftigung, Standortinteressen und die Bedeutung Unipers für die Energiesicherheit. Diese Kritik wird den Verkauf nicht zwingend stoppen, kann aber politischen Druck erzeugen.

Für die Energiewende ist Uniper ebenfalls relevant. Der Konzern steht nicht nur für Gas, sondern auch für Kraftwerke, Speicher, Wasserstoffpläne und flexible Erzeugungskapazitäten. Deutschland braucht in den kommenden Jahren Reserve- und Gaskraftwerke, um schwankende erneuerbare Stromproduktion abzusichern. Uniper könnte dabei eine wichtige Rolle spielen. Ein Käufer müsste also nicht nur ein bestehendes Gasgeschäft übernehmen, sondern auch eine strategische Position im künftigen Energiesystem.

Der Verkauf ist deshalb mehr als eine Finanztransaktion. Er zeigt, wie schwierig die Rückkehr zur Normalität nach der Energiekrise bleibt. Der Staat musste Uniper retten, weil der Markt allein die Versorgungssicherheit nicht mehr gewährleisten konnte. Jetzt soll der Markt das Unternehmen wieder übernehmen – aber unter staatlicher Aufsicht und mit sicherheitspolitischen Leitplanken.

Für Anleger entsteht daraus eine interessante, aber komplexe Story. Uniper ist stabiler, systemrelevant und potenziell dividendenfähig. Gleichzeitig bleibt der Konzern abhängig von Energiepreisen, Regulierung, politischer Kontrolle, Kraftwerksstrategie und der Frage, wie Deutschland seine Gas- und Wasserstoffinfrastruktur in den kommenden Jahren organisiert.

Am Ende wird der Käuferkreis entscheidend sein. Ein europäischer Energieversorger könnte strategische Synergien bringen. Ein Infrastrukturinvestor könnte langfristiges Kapital bereitstellen. Ein staatlich beeinflusster ausländischer Investor würde politische Debatten auslösen. Und ein Börsengang könnte den breitesten, aber auch volatilsten Weg zurück an den Markt eröffnen.

Der Uniper-Verkauf wird damit zum Milliardentest für den Staat. Gelingt er, könnte Deutschland zeigen, dass eine Krisenverstaatlichung zeitlich begrenzt bleiben und am Ende geordnet zurückgeführt werden kann. Misslingt er, drohen neue Debatten über Verluste, Versorgungssicherheit und den richtigen Umgang mit kritischer Infrastruktur.

SK

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