Kanadas Premierminister Mark Carney sucht eine engere wirtschaftliche Allianz mit Europa. Dabei geht es um Handel, Verteidigung und künstliche Intelligenz – aber auch um einen Bereich, der für Europas Industrie zunehmend zur strategischen Achillesferse wird: kritische Rohstoffe. Während Kanada seine starke Abhängigkeit vom US-Markt reduzieren will, versucht die EU, bei wichtigen Metallen weniger abhängig von China zu werden. In Lithium, Nickel, Kupfer und Seltenen Erden treffen diese Interessen unmittelbar aufeinander.
Deutschland hat sich bereits positioniert
Für Deutschland beginnt die Zusammenarbeit nicht erst mit Carneys jüngstem Vorstoß.
Bereits im August 2025 vereinbarten Berlin und Ottawa eine engere Kooperation bei kritischen Rohstoffen. Besonders im Fokus stehen Lithium, Seltene Erden, Kupfer, Wolfram, Gallium, Germanium und Nickel. Dabei soll es ausdrücklich nicht nur um den Abbau gehen, sondern auch um Verarbeitung, Raffination und Recycling. Im Februar 2026 wurde die Zusammenarbeit auf Batterieproduktion und weitere industrielle Wertschöpfungsketten ausgeweitet.
Das ist für Deutschland entscheidend. Eine sichere Rohstoffversorgung entsteht nicht schon dadurch, dass Erz irgendwo außerhalb Chinas gefördert wird. Das Material muss anschließend aufbereitet, getrennt, raffiniert und teilweise zu hochreinen Vorprodukten verarbeitet werden, bevor daraus Batterien, Elektromotoren, Halbleiter oder Rüstungsgüter entstehen können. Genau an diesen Zwischenstufen konzentrieren sich heute viele Abhängigkeiten.
Kanada ist ein Bergbauland – aber nicht bei jedem Rohstoff ein Riese
Kanadas Ausgangslage ist außergewöhnlich. 2024 förderte das Land mehr als 60 verschiedene Mineralien und Metalle im Wert von umgerechnet 64,3 Milliarden kanadischen Dollar. Mineral- und Metallprodukte im Wert von rund 153 Milliarden Dollar gingen in den Export – etwa 21 Prozent der gesamten kanadischen Warenausfuhren.
Bei kritischen Rohstoffen fällt das Bild allerdings sehr unterschiedlich aus. Lithium wird derzeit aus zwei kanadischen Minen in Manitoba und Québec gewonnen. 2024 wurden knapp 6.000 Tonnen Lithium produziert. Die nachgewiesenen wirtschaftlich förderbaren Reserven lagen bei rund 1,34 Millionen Tonnen, womit Kanada etwa 4,4 Prozent der weltweiten Reserven hielt. Darüber hinaus existieren wesentlich größere geologische Ressourcen.
Beim Nickel verfügt Kanada über rund 2,2 Millionen Tonnen Reserven, etwa zwei Prozent des weltweiten Bestands. Bei Kobalt waren es zuletzt rund 220.000 Tonnen. 2024 gehörte Kanada mit etwa 3.350 Tonnen Minenproduktion zwar zu den zehn größten Produzenten, blieb aber weit hinter der Demokratischen Republik Kongo zurück.
Auch Graphit wird bereits gefördert, allerdings bislang in vergleichsweise kleinen Mengen. Kanada produzierte 2024 knapp 12.000 Tonnen natürlichen Graphits. China kam im selben Jahr auf mehr als 1,2 Millionen Tonnen und stellte fast 80 Prozent der Weltproduktion.
Bei Seltenen Erden zeigt sich das eigentliche Potenzial – und das Problem
Besonders eindrucksvoll sind die kanadischen Vorkommen Seltener Erden. Das Land verfügt nach Angaben der Regierung über mehr als 15 Millionen Tonnen bekannte Ressourcen an Seltenerdoxiden und damit über einige der größten bekannten Vorkommen weltweit.
Doch Kanada produziert bislang keine Seltenen Erden im kommerziellen Maßstab. Mehrere Projekte befinden sich erst in Exploration, Machbarkeitsprüfung oder Entwicklung.
Eine Ressource bedeutet zunächst, dass ein Rohstoff geologisch vorhanden ist und möglicherweise irgendwann wirtschaftlich gewonnen werden kann.
Eine Reserve ist erheblich strenger definiert: Hier wurde bereits nachgewiesen, dass der Rohstoff unter den heutigen technischen und wirtschaftlichen Bedingungen tatsächlich förderbar ist.
Aus Millionen Tonnen im Boden folgen deshalb weder Millionen Tonnen Produktion noch automatisch ein wirtschaftlich rentables Bergwerk. Bei Rohstoffen entscheidet nicht nur die Geologie, sondern ebenso Preis, Erzgehalt, Energiebedarf, Infrastruktur, Genehmigungsdauer und Verarbeitungstechnik.
China dominiert vor allem nach der Mine
Noch deutlicher wird die Herausforderung bei der Verarbeitung. China förderte 2024 rund 69 Prozent der weltweiten Seltenen Erden. Bei der Raffination lag der Anteil jedoch bei etwa 90 Prozent. Gerade die komplizierte Trennung der einzelnen Elemente ist technisch anspruchsvoll und kapitalintensiv.
Ein ähnliches Konzentrationsproblem besteht bei Graphit, Lithium und anderen Materialien. Deshalb setzt der europäische Critical Raw Materials Act nicht nur Ziele für den heimischen Abbau. Bis 2030 sollen mindestens zehn Prozent des EU-Bedarfs an strategischen Rohstoffen innerhalb Europas gefördert, 40 Prozent verarbeitet und 25 Prozent recycelt werden. Gleichzeitig sollen maximal 65 Prozent eines strategischen Rohstoffs aus einem einzigen Drittstaat stammen.
Kanada könnte bei dieser Diversifizierung eine wichtige Rolle übernehmen. Es kann China aber nicht einfach ersetzen.
Kanada will selbst mehr als Rohstofflieferant sein
Auch Ottawa hat wenig Interesse daran, künftig nur Erz aus dem Boden zu holen und die lukrativere Verarbeitung anderen Ländern zu überlassen. Im Juli startete die Regierung deshalb den Canada Critical Minerals Accelerator. Das erste Abkommen unterstützt den Ausbau der Trail Operations von Teck Resources in British Columbia – einen großen integrierten Schmelz- und Raffineriestandort. Ziel ist ausdrücklich, private Investitionen zu mobilisieren und mehr Verarbeitungskapazität im eigenen Land aufzubauen.
Bereits im März hatte die Regierung 30 neue Partnerschaften und Investitionen im Rohstoffsektor angekündigt. Nach eigenen Angaben sollen damit Projekte mit einem Kapitalvolumen von insgesamt 12,1 Milliarden kanadischen Dollar unterstützt beziehungsweise ermöglicht werden.
Das passt zu Carneys umfassenderer Strategie. Bei seinem aktuellen Investorenforum in Toronto wirbt Kanada für mehr als 160 Projekte aus Bergbau, Energie, Infrastruktur und Technologie. Insgesamt sollen langfristig mehr als eine Billion kanadische Dollar an Investitionen mobilisiert werden.
Für Anleger bleibt Rohstoffknappheit trotzdem keine Einbahnstraße
Aus Sachwertsicht ist die Entwicklung reizvoll, aber sie verlangt Differenzierung. Kritische Rohstoffe sind physisch begrenzt und für zahlreiche Zukunftstechnologien unverzichtbar. Das allein garantiert jedoch weder steigende Preise noch rentable Minen.
Lithium liefert dafür ein gutes Beispiel.
Die kanadische North American Lithium Mine wurde 2019 nach einem Einbruch der Lithiumpreise geschlossen und erst 2023 wieder in Betrieb genommen. Gleichzeitig stieg die weltweite Förderung in den vergangenen Jahren stark an – obwohl die Nachfrage nach Batterien ebenfalls kräftig zunahm.
Rohstoffmärkte reagieren auf Knappheit mit neuen Minen, Recycling, Substitution und technologischen Veränderungen. Wird zu viel neue Kapazität gleichzeitig aufgebaut, können Preise trotz langfristig steigender Nachfrage erheblich fallen.
Für Investoren macht das einen wichtigen Unterschied zwischen Rohstoff und Rohstoffprojekt. Ein strategisch wertvolles Lithiumvorkommen kann wirtschaftlich unattraktiv sein, wenn Förderkosten zu hoch sind. Ein kleinerer Rohstoffproduzent mit vorhandener Infrastruktur und Raffination kann dagegen wertvoller sein als ein Unternehmen mit einer gewaltigen, aber noch unerschlossenen Lagerstätte.
Europas Problem ist inzwischen auch das Kapital
Hinzu kommt eine zweite Schwachstelle. Die EU hat inzwischen 60 strategische Rohstoffprojekte innerhalb und außerhalb Europas ausgewählt. Doch selbst ein Teil dieser politisch priorisierten Vorhaben kämpft mit Finanzierungsschwierigkeiten.
Im August warnten 23 Projektentwickler vor Liquiditätsproblemen, fehlenden Finanzierungszusagen und langwierigen Verfahren. Einzelne Projekte wurden bereits gestoppt.
Das zeigt, warum die neue Beziehung zu Kanada wirtschaftlich interessanter sein könnte als eine bloße Liefervereinbarung. Kanada bietet nicht nur Vorkommen, sondern Bergbauwissen, bestehende Minen, Raffinerien, vergleichsweise stabile politische Rahmenbedingungen und Zugang zu nordamerikanischen Kapitalmärkten.
Deutschland wiederum besitzt Technologien für Maschinenbau, Chemie, Recycling und industrielle Verarbeitung. Die Partnerschaft könnte deshalb mehr werden als der Tausch kanadischer Rohstoffe gegen deutsche Industrieprodukte.
Der strategische Sachwert liegt in der Lieferkette
Europa hat in den vergangenen Jahren gelernt, dass der Wert eines Rohstoffs nicht allein in seinem Marktpreis liegt.
Erdgas wurde nach dem russischen Angriff auf die Ukraine zum Beispiel dafür, welchen wirtschaftlichen Wert Versorgungssicherheit besitzen kann. Bei Lithium, Graphit, Nickel oder Seltenen Erden stellt sich heute eine ähnliche Frage.
Die neue Kanada-EU-Allianz trifft deshalb einen Nerv. Kanada besitzt große geologische Ressourcen. Europa besitzt große industrielle Nachfrage. Deutschland hat bereits konkrete Kooperationen entlang genau jener Rohstoffketten vereinbart, die für Batterien, Energietechnik, Halbleiter und Verteidigung benötigt werden.
Ob daraus tatsächlich mehr Versorgungssicherheit entsteht, entscheidet sich allerdings nicht am Umfang der kanadischen Lagerstätten. Entscheidend wird sein, wie viel davon wirtschaftlich gefördert, verarbeitet und zuverlässig nach Europa geliefert werden kann.
Stefanie S. Klief