Künstliche Intelligenz scheint zunächst eine Welt aus Software, Daten und Algorithmen zu sein. Doch je größer die Modelle werden, desto sichtbarer wird ihre physische Grundlage. KI braucht Hochleistungschips und Fabriken, Rechenzentren und Kühlsysteme, Stromnetze, Speicher und immer leistungsfähigere Datenverbindungen. Mit seinem neuen General-AI-ETF setzt Frank Thelens Investmenthaus TEQ nicht nur auf Entwickler von KI-Modellen, sondern auf Unternehmen entlang dieser gesamten Wertschöpfungskette. Der ETF selbst ist kein Sachwert. Seine Investmentthese beruht jedoch zu einem erheblichen Teil auf einem Infrastrukturboom, der sehr reale Anlagen voraussetzt.
Ohne physische Infrastruktur gibt es keine KI
ChatGPT lässt sich auf einem Notebook öffnen. Trainiert wird ein großes Sprachmodell dort allerdings nicht. Dafür sind Tausende spezialisierte Prozessoren nötig, die in Rechenzentren zusammengeschaltet werden. Diese Anlagen benötigen enorme Mengen Strom, Kühlung und Datenübertragung. Die Nachfrage nach künstlicher Intelligenz verwandelt sich dadurch in Nachfrage nach Halbleitern, Servern, Gebäuden, Netzinfrastruktur und Energie.
Was für Nutzer wie ein immaterieller Dienst erscheint, beginnt auf der anderen Seite des Bildschirms mit einer ausgesprochen materiellen Wertschöpfungskette.
Genau dort setzt der TEQ General Artificial Intelligence EUR UCITS ETF an. Er ist seit Januar an der Deutschen Börse handelbar und soll die Entwicklung börsennotierter Unternehmen abbilden, die aus Sicht des zugrunde liegenden Index wesentlich an Entwicklung, Umsetzung oder Kommerzialisierung allgemeiner künstlicher Intelligenz beteiligt sind.
Diesmal setzt Thelen auf die ganze Wertschöpfungskette
TEQ unterteilt den Markt in fünf Bereiche: Entwickler von KI-Modellen und Cloudanbieter, KI-Chips, Halbleiterfertigung, Recheninfrastruktur sowie Datenplattformen und IT-Sicherheit. Bis zu 100 Unternehmen können in den Index aufgenommen werden. Damit unterscheidet sich der Ansatz von einem klassischen Technologieindex, in dem einige wenige sehr große Unternehmen aufgrund ihrer Marktkapitalisierung schnell dominieren können.
Beim halbjährlichen Rebalancing des TEQ-Index gilt für einzelne Positionen grundsätzlich eine Obergrenze von drei Prozent und eine Untergrenze von 0,3 Prozent. Nach Angaben des Anbieters soll dadurch das Klumpenrisiko reduziert werden.
Dahinter steckt eine interessante Wette: TEQ muss nicht zwingend wissen, welches Unternehmen das beste KI-Modell der kommenden zehn Jahre entwickelt. Wenn die gesamte Branche weiter wächst, dürften unabhängig vom Sieger Rechenleistung, Halbleiter, Netzwerktechnik und Datensicherheit benötigt werden.
Es ist das alte Schaufel-und-Spaten-Prinzip in neuer Form.
Der Chip ist nur der Anfang
Schon die Halbleiterkrise während der Pandemie hat gezeigt, wie abhängig ganze Industrien von wenigen hochspezialisierten Bauteilen sein können. Mit dem KI-Boom hat sich diese Engpasslogik auf eine neue Ebene verschoben: Gefragt sind heute vor allem Hochleistungsprozessoren für das Training und den Betrieb großer KI-Modelle.
Nvidia hat besonders sichtbar gemacht, welchen wirtschaftlichen Wert ein solcher Engpass in der KI-Wertschöpfungskette annehmen kann. Doch der Bedarf endet nicht bei Grafikprozessoren.
Entscheidend wird zunehmend »Compute« – also verfügbare Rechenleistung. Sie entsteht erst aus dem Zusammenspiel von Chips, Servern, Strom, Kühlung und Netzwerktechnik und entwickelt sich damit selbst zu einer knappen wirtschaftlichen Ressource.
Wie weit diese Entwicklung bereits geht, zeigt ein ungewöhnlicher Schritt an den Finanzmärkten: Die CME Group will ab dem 5. Oktober 2026 erstmals regulierte Futures auf die Mietpreise von Nvidia-H100- und B200-Rechenleistung anbieten – vorbehaltlich des Abschlusses der regulatorischen Prüfung. Damit soll für Compute erstmals ein standardisierter, börslich handelbarer Referenzpreis entstehen. Rechenleistung nähert sich damit in ihrer Marktlogik klassischen Rohstoffen wie Energie oder Metallen an.
Die Rechenleistung selbst wiederum beruht auf einer Infrastruktur, die weit über den einzelnen Prozessor hinausreicht. Moderne KI-Rechenzentren stellen extreme Anforderungen an Datenübertragung und Energieeffizienz.
Wie TEQ diese Infrastrukturthese grundsätzlich versteht, zeigt beispielsweise der französische Halbleiterzulieferer Soitec, den das Investmenthaus in seinen aktiv gemanagten Fonds hält. Das Unternehmen entwickelt Spezialsubstrate, die unter anderem für Siliziumphotonik und optische Datenübertragung relevant sind. TEQ begründet das Investment ausdrücklich mit dem wachsenden Bedarf an schnelleren und energieeffizienteren Verbindungen innerhalb von AI-Datacentern.
Daneben entstehen Investitionen in Transformatoren, Stromnetze, Kühltechnik, Batteriespeicher und neue Kraftwerkskapazitäten. Hyperscaler sichern sich langfristige Stromlieferverträge, während ganze Regionen darüber diskutieren, ob Netze und Energieerzeugung mit dem zusätzlichen Bedarf Schritt halten können.
Aus einer Softwareinnovation ist damit längst ein Infrastrukturthema geworden – und Rechenleistung beginnt sogar, eine eigene handelbare Ressource zu werden. Genau diese Verschiebung von der Anwendung zur dahinterliegenden Infrastruktur versucht der TEQ-ETF als Investmentthema abzubilden.
Warum Thelen diesmal auf einen ETF setzt
Für Frank Thelen ist der indexbasierte Ansatz ein bemerkenswerter Schritt.
Seine ersten beiden Publikumsfonds sind aktiv gemanagt und beruhen stark auf der Auswahl einzelner Unternehmen. Nach einem schwierigen Start des 2021 aufgelegten Disruptive-Technologies-Fonds hat TEQ seinen Investmentprozess über die vergangenen Jahre weiterentwickelt und klassische Kapitalmarktexpertise stärker eingebunden. Thelen selbst spricht davon, anfangs zu stark mit einer »Venture-Capital-Brille« auf Technologie und Teams geblickt zu haben.
Beim neuen ETF ist die Ausgangsidee eine andere. TEQ argumentiert, das frühe Stadium und die Geschwindigkeit der KI-Entwicklung machten es schwierig, die späteren Gewinner dauerhaft zuverlässig auszuwählen. Bestimmte Kategorien, die von der Entwicklung profitieren dürften, seien dagegen schon heute erkennbar.
Das führt zu einer breiteren Konstruktion: Nicht der einzelne vermeintliche Sieger steht im Mittelpunkt, sondern das Ökosystem.
Ein starker Start – mit sehr kurzer Historie
Anfang Januar startete der ETF zu 25 Euro. Ende August lag sein Kurs bei rund 33 Euro. Bis zum 24. August betrug die Wertentwicklung seit Auflage etwa 31 Prozent.
Für ein neu aufgelegtes Produkt ist das bemerkenswert. Für eine Beurteilung seiner langfristigen Qualität reicht es noch nicht.
Das Fondsvolumen liegt bislang lediglich bei rund 16 Millionen Euro. Die Gesamtkostenquote beträgt 0,69 Prozent.
Hinzu kommt das grundsätzliche Risiko eines Themeninvestments: Selbst wenn die zugrunde liegende technologische Entwicklung richtig eingeschätzt wird, können einzelne Unternehmen oder ein gesamter Sektor bereits sehr hohe Zukunftserwartungen in ihren Bewertungen enthalten.
Eine richtige Technologieprognose garantiert deshalb noch keine gute Anlagerendite.
Der ETF ist kein Sachwert – die Geschichte dahinter schon
Ein ETF-Anteil ist ein Wertpapier. Wer ihn kauft, besitzt nicht anteilig ein Rechenzentrum, eine Chipfabrik oder ein Stromnetz, sondern beteiligt sich über den Fonds an börsennotierten Unternehmen. Trotzdem erzählt der neue TEQ-ETF eine Entwicklung, die für Sachwerte zunehmend relevant wird.
Künstliche Intelligenz braucht Flächen, Gebäude und Energie. Sie braucht spezialisierte Fabriken, Glasfaserverbindungen, Stromleitungen und Kühlkreisläufe. Je größer die digitalen Modelle werden, desto größer wird die materielle Infrastruktur hinter ihnen.
Damit könnte sich wiederholen, was bei früheren technologischen Umbrüchen zu beobachten war: Der wirtschaftliche Wert entsteht nicht ausschließlich beim Anbieter des sichtbarsten Produkts. Er verteilt sich auf diejenigen, die die Infrastruktur bereitstellen, ohne die dieses Produkt überhaupt nicht funktionieren könnte.
Wer über KI als Investmentthema spricht, spricht deshalb längst nicht mehr nur über Software. Er spricht zunehmend über die physische Welt, auf der sie läuft.
Frank Thelen hat genau diese Verschiebung in eine Investmentthese übersetzt.
Stefanie S. Klief