Rohstoffe

Der Kampf um Seltene Erden wird zum Finanzierungskampf

Warum die USA in Brasilien nicht nur Rohstoffe sichern, sondern das Preisrisiko übernehmen, vor dem private Investoren zurückschrecken

8 Min.

27.08.2026

Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva rückt sein rohstoffreiches Land zunehmend in den Fokus der USA. 

Seltene Erden gibt es auch außerhalb Chinas. Was vielerorts fehlt, sind jedoch Unternehmen, die ihre Förderung und Verarbeitung zu wettbewerbsfähigen Bedingungen finanzieren können. Die USA versuchen nun, dieses Problem mit öffentlichem Kapital, langfristigen Abnahmeverträgen und garantierten Mindestpreisen zu lösen. Ein milliardenschweres Geschäft in Brasilien zeigt, wie weit Washington inzwischen zu gehen bereit ist.

1,55 Milliarden Dollar – aber nicht für den Kauf der Mine

Am Montag meldete das US-amerikanische Department of War eine Investition von 750 Millionen Dollar in ein Spezialvehikel, das Seltene Erden aus der brasilianischen Pela-Ema-Mine abnehmen soll. Weitere 500 Millionen Dollar sollen über eine Kreditlinie einer Großbank bereitgestellt werden. Hinzu kommt eine staatliche Kaufzusage über mindestens 300 Millionen Dollar innerhalb von fünf Jahren. Insgesamt erreicht die Finanzierungsstruktur damit 1,55 Milliarden Dollar.

Die Konstruktion ist erklärungsbedürftig. Denn die 1,55 Milliarden Dollar sind nicht mit dem Kaufpreis für die brasilianische Minengesellschaft Serra Verde gleichzusetzen.

USA Rare Earth hat bereits im April vereinbart, Serra Verde für rechnerisch rund 2,83 Milliarden Dollar zu übernehmen: 300 Millionen Dollar sollen bar gezahlt werden, hinzu kommen rund 126,8 Millionen neu ausgegebene Aktien. Die Aktionäre von USA Rare Earth sollen am 28. August über die dafür notwendige Aktienausgabe abstimmen. Erst anschließend könnte die Übernahme abgeschlossen werden.

Das neue Milliardenpaket erfüllt vielmehr eine andere Funktion. Es stattet den Käufer der künftigen Produktion mit genügend Kapital aus und nimmt Serra Verde damit einen erheblichen Teil seines Absatz- und Preisrisikos ab.

Washington garantiert nicht nur Abnahme, sondern Preise

Das Spezialvehikel soll 100 Prozent der Produktion der ersten Ausbauphase übernehmen. Der Vertrag enthält eine Take-or-pay-Regelung: Der Käufer verpflichtet sich also grundsätzlich zur Abnahme beziehungsweise Zahlung vereinbarter Mengen.

Hinzu kommen garantierte Mindestpreise für Neodym, Praseodym, Dysprosium und Terbium – jene vier magnetischen Seltenen Erden, die unter anderem für leistungsfähige Permanentmagnete benötigt werden. Sie stecken in Elektrofahrzeugen und Windkraftanlagen, aber auch in Robotik, Luftfahrt und zahlreichen militärischen Anwendungen.

Damit übernimmt der Staat einen Teil jenes Risikos, das Investoren bislang von vielen Projekten fernhält.

Eine Mine kann geologisch attraktiv sein und trotzdem wirtschaftlich scheitern, wenn die Preise während der langen Entwicklungs- und Hochlaufphase stark fallen. Garantierte Abnahme und eine Preisuntergrenze verbessern dagegen die Planbarkeit künftiger Erlöse – und damit die Chancen, Kredite und weiteres privates Kapital zu bekommen.

In Brasilien wird aus Rohstoffpolitik deshalb zunehmend Finanzmarktpolitik.

Chinas Vorsprung liegt nicht nur unter der Erde

Der Hintergrund wird deutlicher, wenn man betrachtet, wo China die Lieferkette tatsächlich dominiert.

Nach Berechnungen der Internationalen Energieagentur entfielen 2024 rund 60 Prozent der weltweiten Förderung jener Seltenen Erden, die für Permanentmagnete benötigt werden, auf China. Bei der Raffination waren es bereits 91 Prozent. Bei gesinterten Permanentmagneten erreichte der chinesische Anteil sogar rund 94 Prozent.

Das Problem des Westens besteht deshalb nicht einfach darin, zu wenige Lagerstätten zu besitzen.

Zwischen einem Vorkommen im Boden und einem Hochleistungsmagneten liegen Aufbereitung, chemische Trennung, Raffination, Metallisierung, Legierungsherstellung und schließlich die Magnetproduktion. Gerade diese industriellen Zwischenschritte sind technisch anspruchsvoll, kapitalintensiv und außerhalb Chinas bislang nur begrenzt vorhanden.

Serra Verde besitzt deshalb strategische Bedeutung. Die Pela-Ema-Mine im brasilianischen Bundesstaat Goiás produziert seit 2024 kommerziell und gilt nach Unternehmensangaben als derzeit einzige Mine außerhalb Asiens, die Neodym, Praseodym sowie die besonders kritischen schweren Seltenen Erden Dysprosium und Terbium in größerem Maßstab gemeinsam fördern kann. Bis Ende 2027 soll die Produktion auf rund 6.400 Tonnen Seltene-Erden-Oxidäquivalent pro Jahr steigen.

Doch auch Pela Ema liefert zunächst ein gemischtes Seltene-Erden-Karbonat. Der Aufbau einer vom chinesischen Markt unabhängigen Lieferkette ist damit nicht an der Mine beendet.

Die Exportkontrollen haben die Verwundbarkeit sichtbar gemacht

Wie schnell die Konzentration zum wirtschaftlichen Risiko werden kann, zeigte sich 2025.

China führte im April Exportkontrollen unter anderem für Dysprosium und Terbium sowie weitere mittelschwere und schwere Seltene Erden ein. In den folgenden Wochen gingen die Exporte der betroffenen Materialien und bestimmter Permanentmagnete stark zurück. Nach Angaben der IEA mussten einige Autohersteller ihre Produktion drosseln oder zeitweise unterbrechen.

Später erteilte Exportlizenzen entspannten die Lage wieder. Geblieben ist jedoch ein ungewöhnlicher Effekt: Für außerhalb Chinas produzierte Magnete wurden weiterhin deutliche Preisaufschläge gezahlt. Versorgungssicherheit bekam einen eigenen Marktwert.

Damit verändert sich die ökonomische Rechnung. Über Jahrzehnte musste ein westliches Rohstoffprojekt vor allem eines beweisen: dass es zu Weltmarktpreisen konkurrenzfähig ist. Inzwischen kommt eine zweite Frage hinzu: Was ist eine Lieferkette wert, die auch dann funktioniert, wenn der dominante Anbieter seine Exporte begrenzt?

Auch in Afrika springt inzwischen der Staat ein

Brasilien ist kein Einzelfall.

Die US International Development Finance Corporation hat nach Angaben der Behörde und gegenüber Reuters inzwischen 62,8 Millionen Dollar für Seltene-Erden-Projekte in Malawi, Angola, Madagaskar und Südafrika zugesagt. Rund 50 Millionen Dollar entfallen auf das Phalaborwa-Projekt in Südafrika. Noch keines dieser vier Projekte produziert kommerziell.

Besonders aufschlussreich ist die Begründung. Vertreter der DFC erklärten gegenüber Reuters, privates Kapital fließe bislang kaum in diese Projekte. Die staatliche Entwicklungsbank versucht deshalb, sie zunächst so weit zu entwickeln und Risiken zu reduzieren, dass später private Investoren einsteigen können.

Beim Songwe-Hills-Projekt in Malawi finanziert die DFC beispielsweise Entwicklungsarbeiten für eine Mine, deren gemischtes Seltene-Erden-Karbonat später über Mosambik nach Polen transportiert und dort weiterverarbeitet werden soll. Die Lieferkette wird damit bewusst über mehrere Staaten hinweg konstruiert – mit dem erklärten Ziel, die Verarbeitung von strategischen Gegnern abzukoppeln.

Der Wettbewerb mit China wird damit nicht nur darum geführt, wer Zugang zu Lagerstätten besitzt. Er wird zunehmend darum geführt, wer eine komplette industrielle Kette finanzieren kann.

Der Staat übernimmt ein Risiko, das der Markt nicht tragen will

Die neue Strategie hat allerdings ihren Preis.

Garantierte Mindestpreise schützen Produzenten vor einem Preisverfall. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass ein Teil dieses Risikos bei staatlich gestützten Käufern landet. Sollten die Marktpreise langfristig deutlich unter den vereinbarten Schwellen liegen, können Lieferketten außerhalb Chinas zwar weiterbestehen – sie wären dann aber womöglich nur deshalb konkurrenzfähig, weil der Staat ihre Wirtschaftlichkeit absichert.

Das ist industriepolitisch nicht zwingend irrational. Verteidigung, Energieversorgung und Schlüsseltechnologien hängen von Materialien ab, deren Verfügbarkeit sich nicht erst im Krisenfall organisieren lässt.

Es bedeutet aber einen bemerkenswerten Strategiewechsel: Versorgungssicherheit wird nicht länger ausschließlich als Ergebnis eines funktionierenden Weltmarktes behandelt, sondern zunehmend wie Infrastruktur oder Verteidigungsfähigkeit – als Gut, für dessen Vorhaltung der Staat bezahlt.

Geopolitischer Gewinner ist nicht automatisch Börsengewinner

Für Anleger enthält der Serra-Verde-Deal deshalb zwei unterschiedliche Geschichten.

Die eine ist strategisch: USA Rare Earth könnte nach der Übernahme über eine ungewöhnlich breite Lieferkette verfügen und mit Pela Ema Zugang zu einem der wichtigsten produzierenden Vorkommen außerhalb Asiens erhalten. Der Staat nimmt dem Unternehmen zugleich einen erheblichen Teil des Absatzrisikos ab.

Die andere betrifft die Aktie selbst. Für die Übernahme sollen rund 126,8 Millionen neue USA-Rare-Earth-Aktien ausgegeben werden. Die bisherigen Serra-Verde-Eigentümer würden anschließend rund 34 Prozent des kombinierten Unternehmens halten.

Der Markt reagierte auf die jüngste Finanzierungsnachricht zunächst keineswegs euphorisch: Am Montag verlor die USA-Rare-Earth-Aktie zeitweise rund sechs Prozent. Aus der Kursbewegung lässt sich kein einzelner Grund ableiten. Sie erinnert jedoch daran, dass staatliche Unterstützung, strategische Bedeutung und Rendite für bestehende Aktionäre drei verschiedene Dinge sind.

Der eigentliche Rohstoff ist Finanzierung

China wird seine beherrschende Stellung bei Seltenen Erden nicht verlieren, weil irgendwo außerhalb des Landes weitere Lagerstätten gefunden werden. Viele davon sind längst bekannt.

Entscheidend ist, ob Minen, Trennanlagen, Metallproduktion und Magnetfabriken über Jahre finanziert werden können – auch dann, wenn chinesische Anbieter günstiger produzieren oder die Preise stark schwanken.

Mit Abnahmegarantien, Preisuntergrenzen, Krediten und staatlichem Kapital versucht Washington inzwischen, genau diesen Nachteil auszugleichen.

Der Wettlauf um Seltene Erden wird deshalb zwar in Brasilien, Afrika oder den USA aus dem Boden geholt. Gewonnen oder verloren werden könnte er aber an einer ganz anderen Stelle: bei der Frage, wer bereit ist, das wirtschaftliche Risiko der Unabhängigkeit zu bezahlen.

Stefanie S. Klief

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