Ein Goldbarren lässt sich in einen Tresor legen. Öl kann in Tanks gelagert werden. Eine Stunde Rechenleistung dagegen verfällt, wenn sie nicht genutzt wird. Trotzdem soll genau diese Ressource ab Oktober an einem der wichtigsten Terminmärkte der Welt handelbar werden. Die CME Group plant Futures auf die Mietkosten leistungsfähiger Nvidia-GPUs. Damit bekommt die physische Infrastruktur hinter der künstlichen Intelligenz erstmals einen eigenen Zukunftspreis.
Am 5. Oktober soll der Handel beginnen
Am 11. August hat die CME Group ihre bereits im Frühjahr angekündigten Pläne konkretisiert. Vorbehaltlich der regulatorischen Prüfung sollen am 5. Oktober 2026 zwei Compute-Futures starten.
Der eine Kontrakt basiert auf Mietpreisen für Nvidias H100-Grafikprozessor, der andere auf der neueren Blackwell-B200-Generation. Grundlage sind Preisindizes des Datendienstleisters Silicon Data, die stündliche Mietkosten entsprechender GPUs erfassen. Jeder Future soll nach Angaben der CME einen Monat GPU-Miete abbilden. Die Verträge sollen an der zur CME Group gehörenden NYMEX gelistet werden.
Damit wird nicht der Chip selbst gehandelt. Gehandelt wird der zukünftige Preis für seinen Einsatz.
Genau diese Unterscheidung macht den neuen Markt interessant.
Warum Unternehmen überhaupt einen Terminmarkt brauchen
Für viele KI-Unternehmen ist Rechenleistung längst keine nebensächliche IT-Ausgabe mehr.
Große Sprach- und Bildmodelle benötigen enorme Rechenkapazitäten – zunächst beim Training, zunehmend aber auch im laufenden Betrieb. Wer entsprechende GPUs nicht selbst besitzt, mietet Kapazitäten bei Cloud- und Rechenzentrumsanbietern.
Damit entsteht ein Kostenrisiko. Wird verfügbare Rechenleistung knapp und steigen die Mietpreise, können sich die Betriebskosten eines KI-Anbieters verändern.
Ein Future soll dieses Risiko kalkulierbarer machen.
Ein Unternehmen, das beispielsweise weiß, dass es in einigen Monaten eine große Menge B200-Rechenkapazität benötigen wird, könnte einen Preis im Voraus absichern. Das Prinzip kennen Unternehmen seit Jahrzehnten aus Rohstoff- und Energiemärkten.
Die CME verkauft ihre neuen Verträge deshalb zunächst vor allem als Instrument zur Absicherung, nicht als neues Spekulationsprodukt für Privatanleger.
Hinter der digitalen Ware steckt sehr viel Sachwert
Dabei wirkt Rechenleistung nur auf den ersten Blick immateriell.
Damit eine GPU eine Stunde lang rechnen kann, braucht es einen Hochleistungschip, Server, Netzwerktechnik, ein Gebäude, Kühlung, einen leistungsfähigen Stromanschluss und schließlich erhebliche Mengen Energie.
Der digitale Output sitzt damit am Ende einer ausgesprochen physischen Wertschöpfungskette.
Wie groß diese Infrastruktur inzwischen wird, zeigt die Internationale Energieagentur. In ihrem aktuellen Bericht von 2026 geht sie davon aus, dass der Stromverbrauch weltweiter Rechenzentren von rund 485 Terawattstunden 2025 auf etwa 950 Terawattstunden im Jahr 2030 steigen könnte. Besonders schnell wächst der Bedarf KI-orientierter Rechenzentren.
Auch bei den Gebäuden ist Knappheit sichtbar.
Nach dem aktuellen Marktbericht des internationalen Immobilienberaters JLL lag die verfügbare Rechenzentrumskapazität in den fünf großen europäischen Märkten Frankfurt, London, Amsterdam, Paris und Dublin im zweiten Quartal 2026 bei lediglich 6,4 Prozent. Frankfurt war mit einer Leerstandsquote von 3,1 Prozent besonders angespannt. Gleichzeitig befanden sich in den fünf Märkten rund 1,4 Gigawatt weitere Kapazität im Bau und weitere zwei Gigawatt in Planung.
Dabei ist wichtig: JLL ist kein statistisches Amt, sondern selbst ein großer kommerzieller Immobilien- und Beratungsakteur. Seine Zahlen sind deshalb Branchenmarktdaten – keine amtliche Statistik.
Sie zeigen trotzdem, wo die physische Grenze des vermeintlich grenzenlosen Digitalgeschäfts liegt: Neue KI kann nur dort rechnen, wo irgendwann jemand Platz, Strom und Hardware bereitgestellt hat.
Compute ist trotzdem kein Öl
CME-Manager vergleichen Rechenleistung gern mit Öl. Das Bild ist einprägsam, reicht ökonomisch aber nur begrenzt weit.
Ein bestimmtes Barrel Rohöl lässt sich kaufen, transportieren und lagern. Wer es heute besitzt, kann es grundsätzlich auch später noch verkaufen.
Eine ungenutzte Stunde GPU-Rechenzeit kann dagegen nicht konserviert werden. Ist die Stunde vorbei, ist die Kapazität für diesen Zeitraum verloren.
Genau deshalb funktionieren klassische Preisbeziehungen zwischen Kassamarkt und Terminmarkt bei Compute nicht in derselben Weise wie bei lagerfähigen Rohstoffen.
Die Finanzwissenschaftler Federico Bandi und Yinan Su von der Johns Hopkins University untersuchen diese Besonderheit in einer im Juli veröffentlichten frühen Arbeit zur Bewertung von KI-Rechenleistung. Sie kommen unter anderem zu dem Ergebnis, dass sich die für lagerfähige Rohstoffe typische direkte Arbitragebeziehung zwischen heutigem Preis und Futurespreis nicht ohne Weiteres auf Compute übertragen lässt.
Noch handelt es sich dabei um junge Forschung auf einem Markt, der selbst noch kaum existiert. Genau das zeigt aber, wie neu das Finanzprodukt tatsächlich ist.
Auch die Ware selbst verändert sich
Hinzu kommt ein zweiter Unterschied zu klassischen Rohstoffen.
Rechenleistung ist nicht vollkommen standardisiert.
Eine H100 ist keine B200. Eine GPU-Stunde in Frankfurt muss wirtschaftlich nicht denselben Wert haben wie dieselbe nominelle Rechenkapazität an einem anderen Standort. Cloud-Anbieter unterscheiden sich bei Netzanbindung, Verfügbarkeit, Service und Vertragsbedingungen.
Und mit jeder neuen Chipgeneration verändert sich das Verhältnis von Leistung, Energiebedarf und Kosten erneut.
Die neuen Futures lösen dieses Problem, indem sie sich auf genau definierte Indizes für bestimmte Nvidia-Chipgenerationen beziehen. Sie schaffen damit zunächst keinen universellen Weltmarktpreis für »Rechenleistung«, sondern Referenzpreise für bestimmte Formen gemieteter GPU-Kapazität.
Das klingt nach einer technischen Feinheit, ist aber für Anleger entscheidend.
Auch ein erfolgreicher Futuresmarkt auf H100 oder B200 würde noch lange nicht bedeuten, dass jede Form von Compute austauschbar und weltweit zu einem einzigen Rohstoffpreis handelbar wird.
Wall Street finanziert inzwischen die Maschinen dahinter
Dass die Finanzwirtschaft trotzdem stärker in diesen Markt drängt, ist längst sichtbar.
Nvidia gab am 10. August Partnerschaften mit Apollo, BlackRock, Blackstone, Brookfield, Goldman Sachs und KKR bekannt. Über gemeinsame Finanzierungsplattformen sollen mehr als 500 Milliarden US-Dollar Drittmittel für KI-Infrastruktur mobilisiert werden. Nvidia selbst kann nach Angaben von CEO Jensen Huang bei möglichen Transaktionen bis zu 125 Milliarden Dollar beziehungsweise 25 Prozent absichern. Konkrete Beiträge der einzelnen Finanzpartner oder einen Zeitplan für die vollständige Kapitalbereitstellung gibt es bislang allerdings nicht.
Das ist eine andere Ebene als der neue Futuresmarkt.
Das Kapital finanziert die Anlagen, aus denen Compute entsteht: Rechenzentren und Nvidia-basierte Infrastruktur.
Die Futures sollen dagegen den Preis der daraus hervorgehenden Leistung handelbar und absicherbar machen.
Zusammengenommen entsteht damit etwas, das Sachwertinvestoren durchaus kennen: Ein physischer Vermögenswert erzeugt einen wirtschaftlich nutzbaren Output, für dessen künftigen Preis wiederum Finanzinstrumente entstehen.
Nur besteht der Output diesmal nicht aus Strom, Öl oder Getreide.
Er besteht aus Berechnungen.
Noch keine etablierte Anlageklasse
Von einer fertigen neuen Anlageklasse zu sprechen, wäre trotzdem voreilig.
Die Kontrakte werden frühestens am 5. Oktober starten und benötigen noch die regulatorische Freigabe. Es gibt damit bislang weder Handelsvolumen noch Erfahrungswerte zur Liquidität, zur Preisbildung oder dazu, welche Marktteilnehmer den Handel tatsächlich dominieren werden.
Auch die zugrunde liegenden Benchmarks sind jung. Silicon Data ist nicht nur Indexanbieter, sondern Partner der CME beim Aufbau des Marktes. Aussagen des Unternehmens über Größe, Transparenzprobleme oder Preisvolatilität des Compute-Marktes sollten deshalb als Aussagen eines beteiligten Marktakteurs gelesen werden.
Ob aus den Futures ein breit akzeptierter Benchmark wird, entscheidet sich erst nach dem Start.
Für Sachwertanleger ist deshalb momentan weniger die Frage interessant, ob sie bald GPU-Futures ins Depot legen sollten.
Spannender ist, dass die Finanzmärkte beginnen, den Output digitaler Infrastruktur ähnlich zu behandeln wie die Erträge klassischer Infrastruktur.
Was daraus folgt
Künstliche Intelligenz erscheint häufig als nahezu körperloses Geschäft: Modelle, Daten, Algorithmen und Software.
Der neue Terminmarkt erzählt die andere Hälfte dieser Geschichte.
Jede Rechenoperation benötigt eine Maschine. Jede Maschine braucht ein Rechenzentrum. Jedes Rechenzentrum benötigt Grundstücke, Netzanschlüsse, Kühlung und sehr viel Strom.
Aus diesen physischen Ressourcen entsteht Rechenleistung.
Und genau diese Leistung soll nun erstmals einen standardisierten Preis für die Zukunft bekommen.
Damit wird Compute noch lange nicht zu Gold, Öl oder Kupfer.
Dafür ist die Ressource zu wenig standardisiert, nicht lagerfähig und zu eng mit sich schnell verändernder Hardware verbunden.
Aber der geplante Futureshandel markiert einen bemerkenswerten Schritt:
Zum ersten Mal wird nicht nur in die Infrastruktur des KI-Booms investiert. Auch die Leistung, die diese Infrastruktur produziert, bekommt einen eigenen Markt.
Stefanie S. Klief