Bau einer Gaspipeline quer durch Norddeutschland für den Transport von LNG Gas in den Süden.
Mitten im Sommer sind Europas Gasspeicher so schwach gefüllt wie seit Jahren nicht. Deutschland liegt deutlich unter dem Vorjahresniveau. Noch ist die Versorgung gesichert – doch für den kommenden Winter wächst vor allem ein wirtschaftliches Risiko: Europa könnte gezwungen sein, teures Flüssiggas auf dem Weltmarkt einzukaufen.
Deutschlands Speicher nicht einmal halb voll
Am 8. August waren die deutschen Gasspeicher zu 48,18 Prozent gefüllt. Ein Jahr zuvor waren es zum gleichen Zeitpunkt noch 63,93 Prozent. EU-weit lag der Füllstand bei 58,8 Prozent und damit sogar unter dem bisherigen Minimum der vergangenen 5 Jahre für diesen Zeitpunkt. Reuters zufolge bewegen sich die europäischen Vorräte derzeit auf dem niedrigsten saisonalen Niveau seit Beginn der Aufzeichnungen 2011.
Die Ausgangslage unterscheidet sich damit deutlich von den vergangenen Jahren, in denen Europa bereits im August vergleichsweise komfortable Reserven aufgebaut hatte. Der Grund liegt nicht allein in einer knapperen Versorgung. Vor allem die Preisentwicklung macht das Einspeichern wirtschaftlich unattraktiv.
Hohe Preise bremsen ausgerechnet das Auffüllen
Seit Beginn des Krieges mit Iran und der Blockade der Straße von Hormus fehlen große Mengen katarischen Flüssiggases auf dem Weltmarkt. Durch die Meerenge werden normalerweise rund 20 Prozent des weltweit gehandelten LNG transportiert. Der europäische Gaspreis stieg zeitweise von etwa 31 Euro je Megawattstunde vor Kriegsbeginn auf knapp 60 Euro und lag zuletzt bei rund 53 Euro.
Für Gashändler entsteht daraus ein ungewöhnliches Problem: Normalerweise wird Gas im Sommer günstig gekauft, eingelagert und im Winter zu höheren Preisen verkauft. Derzeit ist kurzfristig verfügbares Gas jedoch so teuer, dass sich dieses Geschäft vielfach nicht rechnet. Reuters zitiert Aurora Energy Research mit der Einschätzung, es gebe momentan praktisch keinen finanziellen Anreiz, die Speicher zu füllen.
Genau das macht die Situation wirtschaftlich heikel. Um den ursprünglich vorgesehenen europäischen Füllstand von 90 Prozent zu erreichen, müssten die LNG-Importe nach Berechnungen der EU-Energieagentur ACER gegenüber 2025 um rund 13 Prozent steigen. Die EU-Regeln erlauben bei schwierigen Marktbedingungen allerdings mehr Flexibilität; ein Füllstand von 80 Prozent gilt nach Einschätzung von ACER weiterhin als erreichbar.
Versorgung gesichert – Preisrisiko bleibt
Von einer unmittelbar drohenden Gaskrise spricht die Bundesnetzagentur ausdrücklich nicht. Die Versorgung in Deutschland sei stabil, die Gefahr einer angespannten Situation werde derzeit als gering eingeschätzt. Deutschland bezieht Pipelinegas insbesondere aus Norwegen und LNG vor allem aus den USA. Gas vom Persischen Golf spielt für die direkte deutsche Versorgung nur eine geringe Rolle. Zudem stehen inzwischen deutlich mehr LNG-Importmöglichkeiten zur Verfügung als während der Energiekrise 2022.
Europa ist dadurch weniger abhängig von einzelnen Lieferanten – zugleich aber stärker dem globalen LNG-Markt und dessen Preisen ausgesetzt. Sollte ein kalter Winter auf weiterhin eingeschränkte Lieferungen treffen, müsste Europa stärker um verfügbare LNG-Ladungen konkurrieren. Reuters nennt je nach Entwicklung an der Straße von Hormus und Wintertemperaturen Szenarien von 60 bis 80 Euro je Megawattstunde; unter deutlich ungünstigeren Bedingungen wären auch wesentlich höhere Preise möglich.
Für Deutschland wäre das vor allem ein Industriethema. 60 Prozent des deutschen Gasverbrauchs entfielen 2025 auf Industriekunden. Selbst wenn physisch ausreichend Gas verfügbar bleibt, könnten steigende Beschaffungskosten damit erneut energieintensive Unternehmen belasten und über Produktionskosten auch auf andere Wirtschaftsbereiche durchschlagen.
Was bleibt
Von einer neuen Gaskrise wie 2022 ist Deutschland derzeit weit entfernt. Die Infrastruktur ist breiter aufgestellt, die Importmöglichkeiten sind größer und die Bundesnetzagentur sieht die Versorgung als gesichert an.
Ungewöhnlich niedrige Speicherstände nehmen Europa für den Winter jedoch einen Teil seines Sicherheitspuffers. Entscheidend wird deshalb nicht allein sein, ob genügend Gas verfügbar ist, sondern zu welchem Preis es beschafft werden kann. Aus einem Speicherproblem könnte damit weniger eine Versorgungskrise als vielmehr die nächste Belastung für Energiepreise, Industrie und Konjunktur entstehen.
Stefanie S. Klief