Die Odertalsperre bei Bad Lauterberg im Harz. Während Wasser die Region seit Jahrhunderten prägt, wächst nun auch das Interesse an ihren mineralischen Rohstoffen.
Mehr als 1.000 Jahre lang war der Harz eine der bedeutenden Bergbauregionen Deutschlands. Nun rückt sein Untergrund wieder in den Blick. Das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie hat ein knapp 495 Quadratkilometer großes Gebiet für die wissenschaftliche Suche nach mehr als 50 Rohstoffen freigegeben. Darunter befinden sich Gold und Silber, aber auch Lithium, Wolfram, Kobalt, Kupfer, Gallium, Germanium und Metalle der Platingruppe. Ein neues Bergwerk ist damit noch lange nicht beschlossen. Doch die Erlaubnis erzählt viel darüber, wie sich der Wert heimischer Rohstoffvorkommen verändert hat.
Knapp 495 Quadratkilometer für die Rohstoffsuche
Das sogenannte Erlaubnisfeld Oberharz erstreckt sich über große Teile des westlichen Harzes. Es reicht von Bad Harzburg über Goslar und Langelsheim bis in Richtung Seesen sowie südlich bis Osterode.
Die Beak Consultants GmbH aus Freiberg darf dort bis zum 14. September 2030 großräumig nach Bodenschätzen suchen. Auf der Liste stehen mehr als 50 Elemente und mineralische Rohstoffe: unter anderem Gold, Silber, Lithium, Kobalt, Kupfer, Wolfram, Zinn, Zink, Gallium, Germanium, Nickel, Platin, Palladium, Seltene Erden sowie Fluss- und Schwerspat.
So spektakulär die Liste wirkt: Sie bedeutet nicht, dass all diese Rohstoffe im Harz bereits nachgewiesen wären – und erst recht nicht, dass sie dort wirtschaftlich gewonnen werden könnten.
Eine bergrechtliche Aufsuchungserlaubnis schafft zunächst nur das Recht, nach bestimmten Rohstoffen zu suchen. Technische Eingriffe oder gar ein späterer Abbau sind damit nicht genehmigt. Das Landesamt kündigt für die erste Phase Untersuchungen von Sedimentproben und bereits vorhandenen Bohrkernen an. Weitergehende Arbeiten würden eigene Betriebspläne und zusätzliche Genehmigungsverfahren erfordern.
Das Gold ist nur der auffälligste Name auf der Liste
Für ein Sachwertethema springt zunächst Gold ins Auge. Der Oberharz besitzt schließlich eine jahrhundertealte Bergbautradition, in der Silber, Blei, Kupfer, Zink und andere Metalle eine zentrale Rolle spielten.
Doch aus industriepolitischer Sicht sind heute einige der unscheinbareren Namen auf der Genehmigungsliste mindestens ebenso interessant.
Lithium wird für Batterien benötigt, Wolfram unter anderem für besonders harte und temperaturbeständige Werkstoffe. Kobalt, Nickel und Mangan spielen in verschiedenen Batterietechnologien eine Rolle. Kupfer ist für Stromnetze, Elektromotoren und zahlreiche Anwendungen der Energietechnik unverzichtbar. Gallium und Germanium werden für Halbleiter und andere Hochtechnologieanwendungen eingesetzt.
Mehrere der im Oberharz zur Suche freigegebenen Stoffe stehen deshalb auf der europäischen Liste strategischer Rohstoffe. Dazu gehören beispielsweise Bismut, Kobalt, Kupfer, Gallium, Germanium, Lithium, Nickel, Metalle der Platingruppe und Wolfram.
Damit verschiebt sich auch die wirtschaftliche Bewertung des Untergrunds. Ein Vorkommen, das vor Jahrzehnten wegen geringer Metallgehalte, schwieriger Erreichbarkeit oder niedriger Weltmarktpreise uninteressant erschien, muss unter heutigen Bedingungen nicht zwangsläufig genauso bewertet werden.
Das bedeutet allerdings nicht, dass alter Bergbau automatisch wieder rentabel wird.
Eine Ressource im Boden ist noch kein Vermögen
Bei Rohstoffen wird häufig ein entscheidender Unterschied übersehen: Geologisch vorhandenes Material ist noch keine wirtschaftlich nutzbare Reserve.
Damit aus einem möglichen Vorkommen tatsächlich ein Bergbauprojekt entstehen kann, müssen zahlreiche Bedingungen gleichzeitig erfüllt sein. Entscheidend sind unter anderem Konzentration und Menge des Rohstoffs, Tiefe und Geometrie der Lagerstätte, technische Gewinnbarkeit, Energie- und Verarbeitungskosten, Umweltauflagen, Infrastruktur, Finanzierung sowie die langfristig erwartbaren Marktpreise.
Schon kleine Veränderungen können eine Kalkulation kippen.
Steigt der Rohstoffpreis stark, kann eine zuvor uninteressante Lagerstätte wirtschaftlich werden. Steigen gleichzeitig Energie-, Bau- oder Finanzierungskosten, kann derselbe Effekt wieder verschwinden. Neue Verfahren können tiefer liegende Vorkommen erreichbar machen, während strengere Umweltauflagen oder hohe Sanierungskosten ein Projekt verteuern.
Der Wert eines Rohstoffvorkommens ergibt sich deshalb nicht allein daraus, was im Gestein steckt. Er entsteht erst aus dem Zusammenspiel von Geologie, Technologie, Markt und Genehmigungsfähigkeit.
Für den Oberharz ist die jetzt gestartete Forschung gerade deshalb interessant. Bevor überhaupt über einen möglichen wirtschaftlichen Wert gesprochen werden kann, muss genauer bekannt sein, wie die Mineralsysteme unter der Erde aufgebaut sind.
Neue Technik soll tiefer in den Untergrund schauen
Die aktuelle Erlaubnis gehört zum Forschungsverbund DESMEX-MinD, der seit März 2026 läuft und bis Februar 2029 geplant ist. Zehn Projektpartner aus Wissenschaft, Behörden und Wirtschaft untersuchen Mineralsysteme im Oberharz und im Erzgebirge.
Das Projekt baut auf jahrelanger Forschung auf.
Bereits im Vorgängerprojekt DESMEX-REAL wurde die Altbergbauregion Oberharz mit modernen geophysikalischen Verfahren untersucht. Dabei entstanden unter anderem dreidimensionale Modelle des Untergrunds bis in Tiefen von etwa einem Kilometer. Historische Bergbaudaten, alte Grubenrisse, Bohrinformationen sowie geophysikalische und geochemische Untersuchungen wurden dafür zusammengeführt.
DESMEX-MinD soll diese Daten nun mit weiteren geologischen, geochemischen und geophysikalischen Informationen verbinden.
Das Ziel ist zunächst wissenschaftlich: Mineralsysteme besser verstehen und Methoden entwickeln, mit denen potenzielle Lagerstätten gezielter gefunden werden können.
Das kann wirtschaftlich erheblich sein. Exploration gehört zu den teuersten und risikoreichsten Phasen eines Rohstoffprojekts. Unternehmen können Jahre investieren, ohne eine wirtschaftlich nutzbare Lagerstätte zu finden. Je genauer Daten und Modelle vorhersagen können, wo weitere Untersuchungen sinnvoll sind, desto gezielter lassen sich Bohrungen und andere kostspielige Arbeiten einsetzen.
Moderne Rohstoffsuche besteht deshalb längst nicht mehr nur aus Bohrgerät und Geologenhammer. Geophysikalische Messverfahren, dreidimensionale Untergrundmodelle, große Datenbestände und zunehmend auch KI-gestützte Auswertungen sollen helfen, geologische Strukturen zu erkennen, die an der Oberfläche nicht sichtbar sind.
Europa will weniger abhängig werden
Die Suche im Harz fällt zudem in eine Phase, in der Rohstoffversorgung zu einer strategischen Wirtschaftsfrage geworden ist.
Mit dem Critical Raw Materials Act hat die Europäische Union erstmals konkrete Zielmarken für ihre Versorgung mit strategischen Rohstoffen festgelegt. Bis 2030 soll die EU grundsätzlich Kapazitäten aufbauen, um mindestens zehn Prozent ihres jährlichen Bedarfs selbst zu fördern. Mindestens 40 Prozent sollen innerhalb der Union verarbeitet und mindestens 25 Prozent durch Recycling gedeckt werden.
Gleichzeitig soll bei keinem strategischen Rohstoff mehr als 65 Prozent des europäischen Bedarfs auf einer bestimmten Verarbeitungsstufe aus einem einzigen Drittstaat stammen.
Die Vorgaben reagieren auf eine strukturelle Schwäche der europäischen Industrie. Bei zahlreichen kritischen Rohstoffen ist Europa stark auf Importe angewiesen. Besonders China besitzt bei mehreren Materialien eine dominante Stellung in Förderung, Verarbeitung oder Weiterverarbeitung.
Damit haben Rohstoffe eine Bedeutung erhalten, die über klassische Marktpreise hinausgeht.
Kupfer, Lithium oder Wolfram sind nicht nur handelbare Güter. Ihre Verfügbarkeit entscheidet zunehmend darüber, ob Batterien, Stromnetze, Windkraftanlagen, Elektronik, Maschinen, Rüstungsgüter oder andere strategische Technologien überhaupt in ausreichender Menge produziert werden können.
Eine heimische Lagerstätte kann deshalb volkswirtschaftlich wertvoll sein, selbst wenn ihre Förderung teurer wäre als der Bezug auf dem Weltmarkt. Versorgungssicherheit besitzt einen Preis, der in einer reinen Rohstoffnotierung nicht auftaucht.
Der Harz ist heute mehr als eine Bergbauregion
Trotzdem wäre die Vorstellung eines unmittelbar bevorstehenden Bergbau-Comebacks verfrüht.
Der Oberharz ist heute zugleich Naturraum, Tourismusregion und ein bedeutendes Gebiet des historischen Bergbauerbes. Das Bergwerk Rammelsberg, die Altstadt von Goslar und die Oberharzer Wasserwirtschaft gehören zum UNESCO-Welterbe. Das jahrhundertelang ausgebaute System aus Teichen, Gräben und unterirdischen Wasserläufen dokumentiert selbst, wie stark der Bergbau die Landschaft geprägt hat.
Hinzu kommen Schutzgebiete und der Nationalpark Harz. Ein großflächiger Neustart des Bergbaus würde daher weit über geologische und wirtschaftliche Fragen hinausreichen. Naturschutz, Wasserhaushalt, Denkmalschutz, Tourismus und Akzeptanz in der Bevölkerung müssten gegeneinander abgewogen werden.
Auch technisch wäre ein neues Bergwerk ein völlig anderes Projekt als die aktuelle Forschung. Tiefliegende Lagerstätten zu erschließen, Schächte oder Stollen anzulegen und Aufbereitungsanlagen zu errichten, erfordert Investitionen, die schnell in sehr hohe Millionen- oder Milliardenbeträge reichen können.
Ein interessanter Fund wäre daher nur der Anfang einer sehr langen Rechnung.
Stefanie S. Klief