Rohstoffe

Europas Rohstoffwende scheitert vor der Haustür

In der Slowakei stoppt die Regierung ein Antimon-Projekt – obwohl die EU unabhängiger von China werden will

5 Min.

15.06.2026

Antimon gilt als kritischer Rohstoff für Industrie und Rüstung, doch Europa ist stark von Importen abhängig. In der Slowakei könnte ein bedeutendes Vorkommen erschlossen werden, doch das Projekt steht nach dem Entzug der Explorationslizenz vor dem Aus. Der Fall zeigt das Grundproblem europäischer Rohstoffpolitik: Die EU will weniger Abhängigkeit von China, aber neue Minen stoßen vor Ort auf massiven Widerstand.
 

Europa will unabhängiger bei kritischen Rohstoffen werden. Doch ausgerechnet ein mögliches Antimon-Projekt in der Slowakei zeigt, wie schwer dieser Anspruch in der Praxis umzusetzen ist. Das slowakische Umweltministerium hat dem kanadischen Unternehmen Military Metals überraschend die Explorationslizenz für das Trojárová-Projekt entzogen. Damit steht ein Vorhaben auf der Kippe, das für die europäische Rohstoffstrategie eigentlich wichtig sein könnte.

Antimon ist ein kritischer Rohstoff, der unter anderem in der Industrie, in Flammschutzmitteln, Batterien, Halbleitern und in rüstungsnahen Anwendungen eingesetzt wird. Gerade durch die geopolitische Lage und den wachsenden Bedarf der Verteidigungsindustrie ist der Rohstoff strategisch bedeutender geworden. Europa ist jedoch stark von Importen abhängig.

China spielt dabei die zentrale Rolle. Das Land kontrolliert einen großen Teil der weltweiten Antimonproduktion und noch stärker die Weiterverarbeitung. Seit China den Export kritischer Rohstoffe stärker beschränkt, ist die Versorgungssicherheit für westliche Industrien zu einem politischen Thema geworden. Genau deshalb will die EU eigene Rohstoffquellen erschließen.

Ein Projekt zwischen Strategie und Widerstand

Die Slowakei hatte das Antimon-Projekt bereits vor zwei Jahren in ihre Erkundungsliste kritischer Rohstoffe aufgenommen und an die EU-Kommission gemeldet. Military Metals wollte im Juni eigentlich eine Machbarkeitsstudie beginnen. Daraus wird nun vorerst nichts.

Offiziell begründet das Umweltministerium den Schritt mit dem Schutz des öffentlichen Interesses. Umweltminister Tomas Taraba erklärte laut Tagesschau, er komme selbst aus Pezinok und habe kein Interesse daran, dass dort Antimon abgebaut werde. Die betroffene Region ist bergbaugeschichtlich vorbelastet, und Anwohner fürchten neue Umweltfolgen.

Auch die Stadt Pezinok äußert Zweifel. Dort gibt es den Verdacht, dass Erkundungsarbeiten nicht im angegebenen Umfang ausgeführt worden sein könnten. Die Kommune fordert eine transparente Überprüfung und hat Beschwerden bei der Generalstaatsanwaltschaft eingereicht.

Damit stehen sich 2 politische Wahrheiten gegenüber. Einerseits braucht Europa kritische Rohstoffe, wenn es bei Industrie, Verteidigung, Digitalisierung und Energiewende unabhängiger werden will. Andererseits entstehen diese Rohstoffe nicht abstrakt in Strategiepapieren, sondern in konkreten Landschaften, mit konkreten Risiken und konkretem Widerstand.

China-Abhängigkeit wird zur Sicherheitsfrage

Der Streit ist deshalb mehr als ein lokaler Bergbaukonflikt. Er zeigt ein strukturelles Problem europäischer Industriepolitik. Die EU hat mit dem Critical Raw Materials Act klare Ziele formuliert: Bis 2030 sollen zehn Prozent des jährlichen Bedarfs an strategischen Rohstoffen in Europa gefördert, 40 Prozent verarbeitet und 25 Prozent recycelt werden. Außerdem soll bei keinem strategischen Rohstoff mehr als 65 Prozent des Bedarfs aus einem einzigen Drittland stammen.

Das klingt nach strategischer Handlungsfähigkeit. Doch die Realität sieht deutlich komplizierter aus. Neue Minen brauchen Genehmigungen, Kapital, Akzeptanz und politische Stabilität. Sie treffen auf Umweltbedenken, lokale Proteste und oft auf alte Bergbauerfahrungen, die das Vertrauen in neue Projekte schwächen.

Genau das passiert nun in der Slowakei. Das Land könnte einen Beitrag zur europäischen Rohstoffversorgung leisten, stoppt aber ein Projekt, das auf lokaler Ebene hoch umstritten ist. Für Investoren ist das ein Warnsignal. Für die EU ist es ein Glaubwürdigkeitstest.

Ohne Bergbau keine Rohstoffsouveränität

Europa spricht seit Jahren über strategische Autonomie. Die Pandemie, der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und Chinas Exportkontrollen haben gezeigt, wie verletzlich globale Lieferketten sind. Bei Gas war die Abhängigkeit von Russland das große Warnsignal. Bei kritischen Rohstoffen droht eine ähnliche Lage gegenüber China.

Doch Rohstoffsouveränität lässt sich nicht allein durch neue Gesetze herstellen. Wenn Europa eigene Lieferketten aufbauen will, muss es entscheiden, wo Bergbau möglich sein soll, unter welchen Umweltstandards und mit welcher Beteiligung der Bevölkerung. Ohne solche Entscheidungen bleibt die Rohstoffstrategie Papier.

Das heißt nicht, dass jede Mine automatisch genehmigt werden muss. Umweltauflagen, Transparenz und lokale Kontrolle sind unverzichtbar. Gerade alte Bergbauregionen haben oft berechtigte Sorgen. Aber wenn jedes konkrete Projekt politisch scheitert, bleibt Europa abhängig von genau jenen Ländern, von denen es sich lösen will.

Der Konflikt wird Europa begleiten

Das slowakische Antimon-Projekt zeigt deshalb ein Dilemma, das in den kommenden Jahren häufiger auftreten dürfte. Die EU braucht Lithium, seltene Erden, Wolfram, Gallium, Antimon und andere kritische Rohstoffe für Batterien, Chips, Rüstung, Energie- und Digitaltechnik. Gleichzeitig will sie hohe Umweltstandards wahren und lokale Akzeptanz sichern.

Dieser Zielkonflikt lässt sich nicht wegmoderieren. Er muss politisch gelöst werden. Dazu gehören transparente Verfahren, belastbare Umweltprüfungen, echte Beteiligung vor Ort und klare Regeln, wie strategische Rohstoffe in Europa gefördert werden können.

Military Metals will gegen den Entzug der Lizenz vorgehen. Ob das Projekt doch noch weitergeführt werden kann, ist offen. Sicher ist aber schon jetzt: Der Fall wird zum Symbol für Europas Rohstoffproblem.

SK

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