Rohstoffe

Brüssels Kupfer-Aus wackelt: Digital Networks Act droht juristischer Ärger

Ein Gutachten sieht die geplante Abschaltung alter Netze bis 2035 als möglichen Eingriff in Eigentumsrechte

5 Min.

02.06.2026

Die Europäische Union will beim Glasfaserausbau Tempo machen. Mit dem geplanten Digital Networks Act sollen die Regeln für digitale Netze in Europa vereinheitlicht, Investitionen erleichtert und alte Kupfernetze schrittweise aus dem Markt gedrängt werden. Bis 2035 sollen klassische Kupferanschlüsse in vielen Bereichen abgeschaltet und durch moderne Glasfaser- oder andere Gigabit-fähige Netze ersetzt werden.

Was auf dem Papier nach konsequenter Modernisierung klingt, könnte nun jedoch zum juristischen Problem werden. Ein Gutachten für den Verband Connect Europe kommt zu dem Schluss, dass der Brüsseler Plan rechtlich heikel sein könnte. Der Vorwurf: Eine politisch erzwungene Abschaltung funktionierender Kupfernetze könne einer enteignungsgleichen Überregulierung nahekommen.

Modernisierung mit der Brechstange

Der Hintergrund ist klar: Europa hinkt beim Ausbau leistungsfähiger digitaler Infrastruktur in vielen Regionen hinterher. Die EU-Kommission sieht Glasfaser, 5G, Cloud, KI und sichere Netze als Grundlage für Wettbewerbsfähigkeit und technologische Souveränität. Der Digital Networks Act soll deshalb Investitionen erleichtern und den Übergang von alten Kupferleitungen zu leistungsfähigeren Netzen verbindlicher machen. Die Kommission hat den Vorschlag am 21. Januar 2026 angenommen und spricht ausdrücklich von nationalen Übergangsplänen zur Abschaltung von Kupfernetzen.

Genau dieser Punkt ist nun der Zankapfel. Denn Kupfernetze sind nicht einfach nur technische Altlasten. Sie gehören Unternehmen, werden teilweise noch genutzt, werfen Einnahmen ab und sind in einigen Regionen weiterhin Bestandteil der Versorgung. Wird ihre Abschaltung politisch angeordnet, stellt sich die Frage, ob der Staat oder die EU damit zu tief in bestehende Eigentums- und Geschäftsmodelle eingreift.

Das Eigentumsproblem hinter der Glasfaserfrage

Das Gutachten argumentiert, dass der EU-Plan nicht nur regulierend wirkt, sondern bestehende Infrastruktur wirtschaftlich entwerten könnte. Das ist juristisch ein empfindlicher Punkt. Regulierung darf Märkte ordnen, Wettbewerb sichern und technische Standards setzen. Sie darf aber nicht beliebig funktionierende Vermögenswerte aus dem Markt nehmen, ohne dass dafür eine tragfähige Rechtsgrundlage und Verhältnismäßigkeit bestehen.

Brisant ist dabei vor allem die Frist. Nach dem Entwurf sollen Kupfernetze bis Ende 2035 abgeschaltet werden, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Juristische Analysen verweisen darauf, dass Abschaltgebiete von nationalen Regulierungsbehörden festgelegt werden sollen und eine Abschaltung insbesondere dort vorgesehen ist, wo eine hohe Glasfaserabdeckung und bezahlbare Endkundenangebote vorhanden sind.

Damit versucht Brüssel zwar, den Übergang abzusichern. Doch der Konflikt bleibt: Wer entscheidet, wann ein Gebiet «reif» für die Abschaltung ist? Was passiert, wenn Kunden noch gar nicht wechseln wollen? Und wer trägt das Risiko, wenn Investitionen in Kupfernetze politisch vorzeitig entwertet werden?

Deutschland ist besonders betroffen

Für Deutschland ist die Debatte besonders sensibel. Der Glasfaserausbau kommt seit Jahren schleppend voran, während vielerorts weiterhin alte Kupferinfrastruktur genutzt wird. Zugleich gibt es in Deutschland nicht nur die großen Netzbetreiber, sondern auch viele regionale Anbieter, Stadtwerke und alternative Glasfaserunternehmen. Eine pauschale Abschaltlogik könnte deshalb sehr unterschiedliche Folgen haben.

Aus Sicht der Glasfaseranbieter kann das Kupfer-Aus attraktiv sein: Solange Kunden weiter über alte Leitungen versorgt werden, fehlt oft der wirtschaftliche Druck zum Wechsel. Aus Sicht der Betreiber bestehender Kupfernetze ist eine erzwungene Abschaltung dagegen ein massiver Eingriff. Und aus Kundensicht zählt am Ende nicht die politische Ausbauquote, sondern ob der neue Anschluss zuverlässig verfügbar, bezahlbar und tatsächlich besser ist.

Genau hier liegt der politische Sprengsatz. Die EU will den Glasfaserausbau beschleunigen. Aber wenn sie dabei zu hart in bestehende Marktstrukturen eingreift, produziert sie womöglich nicht mehr Tempo, sondern Klagen.

Zwischen Infrastrukturpolitik und Marktordnung

Der Digital Networks Act ist ohnehin mehr als ein Glasfaser-Gesetz. Er soll einen neuen europäischen Rahmen für elektronische Kommunikation schaffen, Frequenzpolitik harmonisieren und Investitionsbedingungen verbessern. Reuters berichtete bereits im Januar, dass der Entwurf auch längere beziehungsweise automatisch erneuerbare Frequenzlizenzen vorsieht und zugleich auf verpflichtende Zahlungen großer Tech-Konzerne an Netzbetreiber verzichtet.

Das zeigt den größeren Konflikt: Die EU versucht, digitale Infrastruktur stärker europäisch zu steuern. Doch Telekommunikationsmärkte funktionieren weiterhin stark national und regional. Was in einem Land sinnvoll sein kann, kann in einem anderen zu Marktverzerrungen führen. Selbst ein Papier mehrerer Mitgliedstaaten warnte bereits, ein EU-weites Kupfer-Aus könne Kosten erhöhen, Märkte verzerren und funktionierende Infrastruktur zulasten der Kunden stilllegen.

Der richtige Zweck schützt nicht vor schlechten Regeln

Am Ziel gibt es wenig Zweifel: Europa braucht bessere digitale Netze. Glasfaser ist leistungsfähiger, zukunftsfester und für viele digitale Anwendungen unverzichtbar. Doch ein richtiges Ziel macht noch keine saubere Regulierung.

Der Streit um das Kupfer-Aus zeigt, wie schwierig Infrastrukturpolitik wird, wenn sie mit Fristen, Eigentumsrechten und Marktinteressen kollidiert. Brüssel will Glasfaser nicht länger nur fördern, sondern den Wechsel strukturell erzwingen. Genau das könnte nun zum Problem werden.

SK

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