Poliertes Chrom, altes Leder und Motoren aus einer Zeit, in der ein Armaturenbrett noch ohne Touchscreen auskam: Der Spätsommer gehört traditionell den Oldtimern. Am vergangenen Wochenende kamen beim 50. Oldtimertreffen in Lenlingen rund 400 historische Fahrzeuge zusammen. Am kommenden Sonntag zieht der Saarner Oldtimer-Cup durch Mülheim an der Ruhr, parallel finden Ende August von Magdeburg bis Donauwörth weitere Treffen statt. Was auf den ersten Blick vor allem nach Liebhaberei aussieht, besitzt eine zweite Seite. Historische Automobile haben sich längst als eigene Sachwertklasse etabliert. Die aktuelle Marktlage zeigt allerdings auch, wie sehr sich der Blick auf Oldtimer als Geldanlage verändert hat.
Die Oldtimer-Saison erreicht ihren Höhepunkt
Ende August lässt sich die Größe der deutschen Klassiker-Szene beinahe auf der Landkarte ablesen.
In Lenlingen präsentierten am vergangenen Wochenende rund 400 Fahrzeughalter ihre historischen Automobile beim inzwischen 50. Oldtimertreffen. Am 30. August folgt in Mülheim an der Ruhr der 13. Saarner Oldtimer-Cup. Die Werbegemeinschaft des Stadtteils verbindet die Veranstaltung mit einem verkaufsoffenen Sonntag; die Stadt hat die entsprechende Sonderöffnung eigens für den Oldtimer-Cup genehmigt.
Am 29. August findet im Magdeburger Elbauenpark das 27. Ost-Mobil-Meeting Magdeburg statt. Ebenfalls für das letzte Augustwochenende sind unter anderem Oldtimertage in Donauwörth, Bockenem, Sayda, Werl und weiteren Orten angekündigt. Veranstaltungskalender verzeichnen allein für die kommenden Monate eine große Zahl von Treffen, Rallyes, Teilemärkten und Ausfahrten.
Die Veranstaltungen sind zunächst Ausdruck einer lebendigen Sammler- und Liebhaberszene. Sie sagen noch nichts darüber aus, ob ein bestimmtes Fahrzeug eine gute Geldanlage ist.
Für einen Sachwertmarkt besitzen solche Strukturen dennoch Bedeutung. Es gibt Clubs, Händler, Werkstätten, Gutachter, Versicherer, spezialisierte Auktionen und eine große Gemeinschaft potenzieller Käufer und Verkäufer. Historische Fahrzeuge sind damit längst mehr als seltene Einzelstücke in privaten Garagen.
Fast 790.000 historische Pkw in Deutschland
Auch die Bestandszahlen zeigen, wie groß das Segment inzwischen geworden ist.
Nach einer Auswertung von Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamtes durch den ADAC hatten zum 1. Januar 2025 insgesamt 888.355 Kraftfahrzeuge und Anhänger in Deutschland den amtlichen Oldtimer-Status. Davon waren 790.465 Pkw. Gegenüber dem Vorjahr wuchs der gesamte anerkannte Oldtimer-Bestand um 4,9 Prozent.
Noch größer ist die Gruppe der Autos, die aufgrund ihres Alters grundsätzlich in Betracht kommt. Rund 1,47 Millionen zugelassene Pkw waren Anfang 2025 mindestens 30 Jahre alt. Etwas mehr als die Hälfte davon besaß tatsächlich den offiziellen Oldtimer-Status.
Denn alt allein reicht nicht.
Nach deutschem Recht muss ein Fahrzeug mindestens 30 Jahre zuvor erstmals zugelassen worden sein, weitgehend dem Originalzustand entsprechen, sich in einem guten Erhaltungszustand befinden und der Pflege des kraftfahrzeugtechnischen Kulturgutes dienen. Für die Anerkennung ist ein entsprechendes Gutachten erforderlich.
Schon diese Anforderungen unterscheiden den Oldtimer von einem beliebigen alten Gebrauchtwagen.
Langfristig haben sich Oldtimer deutlich verteuert
Für Anleger wird die Sache beim Blick auf die Wertentwicklung interessant.
Der Deutsche Oldtimer-Index des Verbands der Automobilindustrie, kurz DOX, beobachtet die Preisentwicklung von 88 repräsentativ ausgewählten Fahrzeugtypen. Extrem seltene und besonders teure Auktionsfahrzeuge werden ausdrücklich nicht berücksichtigt.
1999 startete der Index bei 1.000 Punkten. Zum 1. Januar 2025 stand er bei 2.985 Punkten. Damit haben sich die beobachteten Preise innerhalb von 25 Jahren nominal um 198 Prozent erhöht. Das ist ein erheblicher langfristiger Zuwachs und erklärt, weshalb historische Fahrzeuge längst nicht mehr nur als Hobby betrachtet werden.
Die kurzfristigen Zahlen erzählen allerdings eine zurückhaltendere Geschichte. 2024 stieg der DOX lediglich um 1,85 Prozent und damit weniger stark als die Inflation. Der VDA bezeichnete die Marktsituation dennoch als stabil.
Der Oldtimer ist damit weiterhin ein Sachwert. Er ist aber keine automatische Renditemaschine.
Der Markt wird selektiver
Besonders aufschlussreich ist die Entwicklung einzelner Modelle.
Im jüngsten veröffentlichten DOX legte etwa der Matra Bagheera innerhalb eines Jahres um 98,6 Prozent zu. Ford Taunus 20 M, Renault R4 GTL, Opel Rekord C und Ford Capri gehörten ebenfalls zu den Gewinnern.
Auf der anderen Seite verlor der BMW 2002 9,1 Prozent. Beim VW Käfer 1303 waren es 6,5 Prozent, beim VW-Porsche 914 2.0 5,4 Prozent und beim Porsche 356 1600 SC 4,8 Prozent.
Das ist für Anleger eine wichtige Erkenntnis. Es gibt keinen einheitlichen »Oldtimerpreis«. Marke, Modell, Motorisierung, Seltenheit, Zustand, Originalität, Historie und aktuelle Nachfrage entscheiden darüber, ob ein Fahrzeug steigt, stagniert oder an Wert verliert. Selbst ein großer Name bietet keine Garantie.
Umgekehrt können frühere Alltagsautos, von denen einst Hunderttausende oder Millionen gebaut wurden, irgendwann knapp werden, weil nur wenige gut erhaltene Exemplare übrig geblieben sind.
Monterey liefert gerade einen Rekord – mit einer Warnung
Wie stark das obere Ende des Marktes weiterhin sein kann, zeigte erst Mitte August die Monterey Car Week in Kalifornien.
Bei den fünf großen Auktionen wurden historische und sammelwürdige Fahrzeuge für rund 748 Millionen Dollar verkauft. Das war ein Rekord und rund 73 Prozent mehr als im Vorjahr. 844 von 1.124 angebotenen Fahrzeugen fanden einen Käufer.
Ein Shelby Cobra Daytona Coupé von 1964 erzielte 42,9 Millionen Dollar und wurde damit zum teuersten amerikanischen Auto, das jemals auf einer Auktion verkauft wurde. Ein McLaren F1 GTR von 1996 brachte 34,7 Millionen Dollar.
Doch auch dieser Rekordmarkt zeigt eine zunehmende Spreizung.
Nach Auswertungen von Classic Analytics waren es vor allem außergewöhnlich seltene Fahrzeuge und jüngere Supersportwagen, die die Preise nach oben trieben. Gewöhnlichere Klassiker entwickelten sich wesentlich schwächer; traditionelle Fahrzeuge aus den 1950er- und 1960er-Jahren erreichten teilweise niedrigere Medianpreise als in Vergleichszeiträumen.
Der Rekordumsatz bedeutet deshalb nicht, dass sämtliche Oldtimer plötzlich wertvoller geworden sind. Er zeigt vielmehr, wohin besonders viel Kapital fließt: in Fahrzeuge, die sich kaum ersetzen lassen.
Ein Oldtimer besitzt etwas, das sich nicht vermehren lässt
Damit ähnelt der Markt anderen Sachwerten. Eine historische Immobilie kann nicht beliebig neu geschaffen werden. Ein Werk eines verstorbenen Künstlers lässt sich nicht nachproduzieren. Bei einem seltenen Fahrzeug gilt dasselbe.
Von einer bestimmten Baureihe existiert nur eine begrenzte Zahl. Von dieser Menge überlebt wiederum nur ein Teil mehrere Jahrzehnte. Noch kleiner wird die Gruppe, wenn Originalzustand, besondere Ausstattung, geringe Stückzahl oder dokumentierte Geschichte hinzukommen.
Knappheit allein erzeugt allerdings keinen Wert. Es muss zugleich Nachfrage geben.
Ein extrem seltenes Auto, das niemand haben möchte, bleibt extrem selten – aber nicht automatisch teuer.
Besonders interessant sind deshalb Fahrzeuge, bei denen sich beide Faktoren verbinden: begrenztes Angebot und eine stabile oder wachsende Gruppe von Sammlern.
Und plötzlich werden die Autos der eigenen Jugend interessant
Der Markt verändert sich auch mit seinen Käufern. Sammler erwerben häufig Fahrzeuge, zu denen sie eine persönliche Verbindung besitzen. Das kann das Traumauto aus der Jugend sein, der Sportwagen aus einem Kinofilm oder das Modell, das früher im Elternhaus stand.
Mit dem Alter und der Kaufkraft einer Generation verschiebt sich damit auch die Nachfrage.
Die Ergebnisse von Monterey liefern hierfür derzeit ein eindrucksvolles Beispiel. Unter den teuersten Fahrzeugen finden sich zunehmend Supersportwagen aus den 1980er-, 1990er- und sogar 2000er-Jahren. Sie konkurrieren inzwischen mit Klassikern, die jahrzehntelang das obere Ende des Sammlermarktes dominierten.
Für Anleger bedeutet das: Die Vergangenheit allein macht keinen Klassiker. Entscheidend ist auch, welche Vergangenheit zukünftige Käufer besitzen wollen.
Die Rendite steht nicht allein auf dem Preisschild
Wer Oldtimer als Geldanlage betrachtet, darf allerdings nicht nur Kauf- und Verkaufspreis miteinander vergleichen. Ein historisches Auto verursacht laufende Kosten.
Versicherung, Wartung und Reparaturen müssen bezahlt werden. Hinzu kommen je nach Fahrzeug Garage oder Halle, regelmäßige Pflege, Gutachten und möglicherweise erhebliche Restaurierungsarbeiten.
Der VDA weist bei seinem eigenen Langfristvergleich ausdrücklich darauf hin, dass sich die gemessenen Wertsteigerungen durch Kosten für Versicherung, Lagerung, Instandhaltung und Restaurierung deutlich relativieren können.
Auch die Liquidität unterscheidet Oldtimer von börsengehandelten Anlagen.
Eine Aktie lässt sich im Normalfall innerhalb von Sekunden verkaufen. Für einen seltenen Wagen muss zunächst der passende Käufer gefunden werden. Wer unter Zeitdruck verkaufen muss, kann deshalb einen erheblichen Abschlag hinnehmen.
Dazu kommt das sogenannte Zustandsrisiko: Zwei äußerlich ähnliche Fahrzeuge desselben Baujahres können vollkommen unterschiedliche Werte besitzen.
Eine fachkundige Begutachtung gehört deshalb bei einem ernsthaften Investment zur Anlageentscheidung.
Sachwert ja – Selbstläufer nein
All das spricht nicht gegen Oldtimer als Anlageklasse. Es erklärt vielmehr, was diese Anlageklasse von einem ETF oder einem Tagesgeldkonto unterscheidet.
Ein Oldtimer ist ein materieller Vermögenswert mit begrenztem Angebot. Er kann über lange Zeiträume an Wert gewinnen, lässt sich unabhängig von einem Wertpapierdepot besitzen und verbindet wirtschaftlichen Wert mit einem realen Nutz- und Erlebniswert.
Gleichzeitig benötigt er Fachwissen, Pflege und Geduld. Die stärkste Wertentwicklung findet zudem längst nicht immer dort statt, wo sie intuitiv erwartet wird. Ein berühmtes Emblem auf der Motorhaube reicht nicht aus.
Der Markt belohnt zunehmend Qualität, Seltenheit, Originalität und Geschichte.
Was die Treffen im Sommer mit dem Wert zu tun haben
Damit führen die vielen Veranstaltungen dieses Sommers doch zurück zur Anlagefrage. Nicht weil jeder Wagen, der am Wochenende durch Lenlingen, Mülheim oder Magdeburg fährt, ein gutes Investment wäre. Sondern weil ein Sammlermarkt von mehr lebt als Preislisten.
Er braucht Menschen, die Fahrzeuge erhalten. Werkstätten, die alte Technik beherrschen. Clubs, die Wissen weitergeben. Ersatzteilmärkte, Gutachter, Händler und Veranstaltungen, bei denen Käufer und Besitzer miteinander in Kontakt kommen. Die deutsche Oldtimer-Szene besitzt diese Infrastruktur seit Jahrzehnten. Und sie erneuert sich inzwischen sogar in Richtung jüngerer Fahrzeuge. Der ADAC Oldtimer-Cup Nordrhein-Westfalen hat seine Saison 2026 beispielsweise ausdrücklich für Youngtimer der Baujahre 1997 bis 2006 geöffnet.
Damit wächst bereits die nächste Generation potenzieller Klassiker heran. Ein BMW aus den 1990er-Jahren, ein früher Porsche Boxster oder ein Mercedes aus dieser Zeit mag für viele noch nicht nach automobilem Kulturgut aussehen. Beim Oldtimer entscheidet darüber am Ende jedoch nicht die Erinnerung daran, wie gewöhnlich ein Auto einmal war. Sondern wie ungewöhnlich es geworden ist, eines Jahrzehnte später noch zu besitzen.
Die Treffen dieses Sommers zeigen, dass die Begeisterung dafür nicht verschwunden ist. Die Marktdaten zeigen gleichzeitig, dass Begeisterung allein für eine gute Anlage nicht genügt. Oldtimer bleiben Sachwerte.
Wer mit ihnen Vermögen erhalten oder vermehren will, muss allerdings zunehmend dasselbe tun wie bei jeder anderen Anlage: auswählen.
Stefanie S. Klief