Panorama

Ferrari wird elektrisch – und Chassis 0 kostet gleich 40 Millionen Dollar

Der erste Elektro-Ferrari trifft auf die alte Welt der Sammler, Geschwindigkeit und Exklusivität – und zeigt, wie sich Luxus gerade neu definiert

5 Min.

17.08.2026

Präsident Sergio Mattarella mit Benedetto Vigna, dem Vize-Präsidenten des Vertriebsmanagements von Ferrari Spa, während der Präsentation des Ferrari Luce am 25.05. 2026 in Rom

Man könnte für 40 Millionen Dollar ziemlich viele Ferraris kaufen. Oder genau einen. Bei der Monterey Car Week in Kalifornien ist der erste produzierte Ferrari Luce für eben diese Summe versteigert worden. Damit ist das vollelektrische Modell mit der Chassisnummer 0 nach Angaben des Herstellers der teuerste Neuwagen, der jemals bei einer Auktion verkauft wurde. Sein regulärer Preis beginnt bei rund 550.000 Euro. Was also macht aus einem ohnehin teuren Auto plötzlich ein Objekt im Wert des mehr als 60-Fachen?

Es ist nicht irgendein Ferrari Luce

Der entscheidende Hinweis steht auf einer kleinen Plakette: »Chassis 0«.

Versteigert wurde das erste Produktionschassis des Luce und damit ein Fahrzeug, das sich nicht reproduzieren lässt. Zusätzlich wurde es über Ferraris Individualisierungsprogramm Tailor Made als Einzelstück gestaltet. RM Sotheby's nennt unter anderem eine eigens entwickelte perlmuttartige Lackierung, besondere Räder und Bremssättel sowie speziell für dieses Fahrzeug ausgeführte Innenraummaterialien.

Vor der Auktion hatte RM Sotheby's den Wert lediglich mit mehr als 1,1 Millionen Dollar angegeben. Einen Mindestpreis gab es nicht. Der Zuschlag bei 40 Millionen Dollar lag damit in einer völlig anderen Größenordnung.

Das Geld geht allerdings nicht an einen gewöhnlichen Verkäufer: Ferrari spendet den gesamten Auktionserlös über seine Stiftung für Bildungsprojekte. Auch deshalb lässt sich der Zuschlag nicht wie ein normaler Marktpreis für den Luce interpretieren.

Ausgerechnet der Elektro-Ferrari schreibt den Rekord

Für Ferrari besitzt das Fahrzeug noch eine andere historische Bedeutung.

Der Luce ist das erste vollständig elektrisch angetriebene Serienmodell der Marke. Vier Elektromotoren liefern in der stärksten Konfiguration mehr als 1.000 PS. Ferrari gibt 2,5 Sekunden für den Sprint von 0 auf 100 km/h, 310 km/h Höchstgeschwindigkeit und eine Reichweite von mehr als 530 Kilometern an.

Damit markiert der Wagen einen ähnlich grundsätzlichen Technologiesprung wie frühere Ferrari-Modelle bei Hybridisierung oder neuen Materialien. Ob Sammler den elektrischen Antrieb langfristig ähnlich bewerten werden wie historische V12- oder V8-Modelle, lässt sich daraus allerdings noch nicht ableiten.

Denn der Rekordpreis wurde gerade nicht für einen normalen Serien-Luce bezahlt.

Bezahlt wurde der erste.

Der Käufer kennt sich mit Ferrari-Rekorden aus

Den Zuschlag erhielt der US-Investor und Ferrari-Sammler Herbert A. Wertheim. Besonders hübsch an der Geschichte: Wertheim war bereits Käufer des bisherigen Rekordhalters unter den neuen Ferraris. 2025 zahlte er 26 Millionen Dollar für einen einmaligen Ferrari Daytona SP3 Tailor Made. Auch damals floss der Erlös an die Ferrari Foundation.

Binnen eines Jahres hat derselbe Sammler damit 66 Millionen Dollar für zwei außergewöhnliche neue Ferraris ausgegeben.

Der Luce übertrifft den bisherigen Rekord um 14 Millionen Dollar.

Den Rekord für das teuerste jemals versteigerte Auto erreicht er trotzdem bei Weitem nicht: Ein Mercedes-Benz 300 SLR Uhlenhaut Coupé aus dem Jahr 1955 wurde 2022 für 135 Millionen Euro verkauft.

Was macht ein Auto zum Sachwert?

Gerade deshalb ist der Luce für Sachwerte interessanter als sein elektrischer Antrieb.

Ein gewöhnlicher Neuwagen verliert normalerweise bereits mit der Zulassung an Wert. Bei exklusiven Sammlerfahrzeugen gelten andere Regeln: geringe Stückzahlen, historische Bedeutung, Herkunft, außergewöhnliche Konfigurationen und eine lückenlose Provenienz können den materiellen Gebrauchswert vollständig überlagern.

Bei Chassis 0 kommen praktisch alle Faktoren gleichzeitig zusammen.

  • Es ist der erste produzierte Luce.
  • Es markiert Ferraris Einstieg in das vollelektrische Zeitalter.
  • Es besitzt eine einmalige Tailor-Made-Konfiguration.

Und durch die öffentlichkeitswirksame Rekordauktion bekommt das Auto unmittelbar eine eigene Geschichte.

Ferrari verfolgt diese Strategie der Verknappung und Individualisierung bewusst. Das Unternehmen produziert seine Modelle in begrenzten Stückzahlen und bezeichnet Personalisierung und Einzigartigkeit ausdrücklich als zentrale Elemente seiner langfristigen Produktstrategie.

40 Millionen sind trotzdem kein Marktwert

Genau hier braucht die Rekordmeldung allerdings eine Einschränkung.

Aus dem Zuschlag lässt sich nicht schließen, dass andere Ferrari Luce nun ebenfalls Millionenwerte besitzen.

Charity-Auktionen funktionieren anders als normale Verkäufe. Der Käufer bezahlt nicht nur das Fahrzeug, sondern kann gleichzeitig ein gemeinnütziges Projekt unterstützen. Hinzu kommt bei Chassis 0 eine Einzigartigkeit, die kein weiteres Serienfahrzeug besitzen kann.

Der Preis von 40 Millionen Dollar ist deshalb weniger eine Bewertung des Modells Luce als die Bewertung eines unwiederholbaren Objekts durch einen einzelnen Sammler.

Der materielle Gegenstand ist ein Auto. Der größte Teil seines Preises steckt jedoch in etwas, das man weder anfassen noch nachbauen kann: Herkunft, Geschichte und Knappheit.

Was daraus folgt

Der erste Elektro-Ferrari hat noch keinen Gebrauchtwagenmarkt und keine jahrzehntelange Sammlerhistorie. Niemand kann heute seriös sagen, welche Luce-Modelle in 20 oder 30 Jahren begehrt sein werden.

Chassis 0 hat diesen Weg übersprungen.

Noch bevor sein Käufer das Fahrzeug überhaupt übernehmen kann – die endgültige Auslieferung ist erst für das erste Quartal 2027 vorgesehen –, besitzt es bereits eine Provenienz, die kein zweiter Luce jemals bekommen wird.

Der bemerkenswerteste Wert dieses Ferrari liegt damit möglicherweise gar nicht unter seiner Karosserie.

Er steht auf seiner Plakette: Nummer 0.

Stefanie S. Klief

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