Bitcoin hat ein Kreuz gemacht – und der Kryptomarkt beginnt bereits zu rechnen. Am 8. September stieg der gleitende 50-Tage-Durchschnitt über den 200-Tage-Durchschnitt. Trader nennen dieses Chartmuster „Golden Cross“ und interpretieren es traditionell als Zeichen eines längerfristigen Aufwärtstrends. Aus vergangenen Kursbewegungen lassen sich daraus theoretisch Bitcoin-Preise jenseits von 250.000 Dollar ableiten. Wer genauer hinsieht, entdeckt allerdings ein Problem: Die spektakulärsten Berechnungen beruhen ausgerechnet auf jenen wenigen Golden Crosses, die besonders erfolgreich waren.
Zwei Linien kreuzen sich
Das Prinzip ist simpel.
Für jeden Handelstag wird der durchschnittliche Bitcoin-Preis der vergangenen 50 beziehungsweise 200 Tage berechnet. Steigt der kurzfristigere Durchschnitt von unten über den langfristigen, entsteht das Golden Cross.
Am 8. September war es wieder so weit. Je nach verwendeter Kursquelle lagen die beiden Linien nur wenige Zehntelprozent auseinander. Der 50-Tage-Durchschnitt hatte den 200-Tage-Wert damit zwar technisch überschritten, jedoch zunächst nur knapp.
Das Signal entstand nach einer deutlichen Erholung. Bitcoin war im Juni bis auf rund 58.000 Dollar gefallen und stieg anschließend wieder in Richtung 80.000 Dollar. Ende August hatte die Kryptowährung innerhalb eines Monats rund ein Viertel gewonnen.
Das Golden Cross erkennt diesen Anstieg allerdings erst im Nachhinein.
Gleitende Durchschnitte sind sogenannte nachlaufende Indikatoren. Sie reagieren auf bereits geschehene Kursbewegungen. Erst nachdem Bitcoin ausreichend lange gestiegen ist, kann der 50-Tage-Durchschnitt den langsameren 200-Tage-Wert überhaupt überholen.
Das Signal sagt deshalb zunächst: Der jüngere Kursverlauf ist stärker als der längerfristige Durchschnitt.
Warum er stärker bleiben sollte, erklärt es nicht.
Die Vergangenheit liefert spektakuläre Zahlen
Anhänger der Charttechnik verweisen auf einige eindrucksvolle historische Beispiele.
CoinDesk hat die Bitcoin-Golden-Crosses seit 2012 ausgewertet. Bei neun Signalen, für die ein vollständiger Dreimonatszeitraum gemessen werden konnte, lag der durchschnittliche Kursgewinn nach drei Monaten bei 24,9 Prozent.
Drei Ereignisse entwickelten sich langfristig besonders stark.
Nach dem Golden Cross von Februar 2012 stieg Bitcoin innerhalb eines Jahres um mehr als 300 Prozent. Das Signal von Oktober 2015 leitete einen langen Aufwärtstrend ein, der schließlich in den damaligen Rekord bei knapp 20.000 Dollar mündete. Nach dem Cross im Mai 2020 stieg der Kurs innerhalb eines Jahres ebenfalls um mehr als 300 Prozent.
Wer nur diese erfolgreichen Fälle betrachtet, kommt auf eine durchschnittliche Zwölfmonatsrendite von rund 250 Prozent.
Von einem Bitcoin-Preis um 78.000 Dollar aus gerechnet ergäbe ein weiterer Anstieg um 250 Prozent ungefähr 273.000 Dollar.
So entstehen Überschriften mit 270.000-Dollar-Fantasien.
Die Erfolgsrechnung hat einen Haken
Von den zwölf historischen Golden Crosses, die CoinDesk untersucht hat, hielten allerdings nur drei überhaupt ein volles Jahr durch, ohne zuvor von einem sogenannten Death Cross wieder aufgehoben zu werden. Dabei kreuzt der 50-Tage-Durchschnitt zurück unter die 200-Tage-Linie.
Neun von zwölf Signalen erfüllten damit gerade nicht die Voraussetzung, aus der anschließend die durchschnittliche Rendite von 250 Prozent berechnet wird.
Das verändert die Aussage erheblich.
Die Rechnung lautet nicht:
„Nach einem Golden Cross steigt Bitcoin durchschnittlich um 250 Prozent.“
Sie lautet:
„Bei den drei Golden Crosses, die sich ein ganzes Jahr lang nicht wieder umkehrten, lag der durchschnittliche Gewinn bei rund 250 Prozent.“
Das ist eine Auswahl nach dem späteren Erfolg.
Ein Anleger weiß am Tag des neuen Golden Crosses selbstverständlich noch nicht, zu welcher Gruppe das aktuelle Signal gehören wird.
Auch falsche Signale gehören zur Geschichte
Einige historische Crosses verschwanden schon nach wenigen Wochen.
Die Signale im Juli 2014 und Juli 2015 wurden innerhalb von zwei Monaten jeweils wieder durch ein Death Cross beendet. Im September 2021 legte Bitcoin nach dem Signal zunächst kaum zu; wenige Monate später begann ein Absturz von mehr als 70 Prozent gegenüber dem vorherigen Hoch.
Auch die jüngere Vergangenheit spricht gegen automatische Schlussfolgerungen.
Das Golden Cross vom Mai 2025 entstand nahe einem Bitcoin-Kurs von rund 111.700 Dollar. Zwölf Monate später lag der Kurs nach Berechnungen eines historischen Trackers rund 32 Prozent niedriger.
Das macht das Muster nicht nutzlos. Es zeigt lediglich, was Charttechnik leisten kann und was nicht.
Ein Golden Cross bestätigt, dass sich das Momentum verändert hat. Es liefert keinen Mechanismus, der den Bitcoin-Preis anschließend zwingt, weiterzusteigen.
Der Markt hat durchaus neue Käufer
Für die aktuelle Erholung existieren unabhängig vom Chartmuster reale Faktoren.
US-Spot-Bitcoin-ETFs verzeichneten im August Nettomittelzuflüsse von ungefähr 3,5 Milliarden Dollar. Nach starken Abflüssen in den Monaten zuvor kehrte damit institutionelles Kapital zurück.
Auch die politische Lage in den USA wirkt unterstützend. Präsident Donald Trump drängt auf klarere Regeln für digitale Vermögenswerte; der sogenannte CLARITY Act könnte die regulatorische Einordnung verschiedener Kryptowerte neu ordnen. Erwartungen an eine kryptofreundlichere Gesetzgebung hatten bereits im August zum Kursanstieg beigetragen.
Hinzu kommt eine Verschiebung innerhalb des Kryptomarktes. Anthony Pompliano verweist darauf, dass Anleger Stablecoins in Bitcoin tauschen, statt dafür größere Aktienbestände zu verkaufen. Sinkt der Anteil von Stablecoins am gesamten Kryptomarkt, kann dies auf zunehmende Risikobereitschaft innerhalb des Sektors hindeuten.
Diese Faktoren erklären Kaufdruck wesentlich besser als das bloße Kreuzen zweier Linien.
Die Zinsen arbeiten derzeit gegen Bitcoin
Gleichzeitig hat sich das makroökonomische Umfeld innerhalb weniger Wochen wieder verschlechtert. Steigende Ölpreise erhöhen die Inflationssorgen. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen näherte sich zuletzt fünf Prozent. Der Markt rechnet inzwischen wieder mit einer möglichen Zinserhöhung der Federal Reserve.
Das ist für Bitcoin nicht trivial. Die Kryptowährung zahlt keine laufenden Zinsen. Bieten nahezu risikofreie US-Staatsanleihen hohe Renditen, steigt die Konkurrenz für Anlagen, deren Ertrag ausschließlich von Kurssteigerungen abhängt.
Am Freitagmorgen notierte Bitcoin deshalb wieder bei rund 77.000 Dollar und damit unter der psychologisch wichtigen Marke von 80.000 Dollar.
Technische Analysten beobachten inzwischen Widerstände zwischen etwa 79.000 und 84.000 Dollar. Erst oberhalb dieser Zone würde sich der jüngste Aufwärtstrend deutlicher bestätigen.
Ein Signal über die Vergangenheit
Beim Golden Cross steckt die größte Verführung bereits im Namen.
»Goldenes Kreuz« klingt nach einem seltenen Ereignis, das etwas über die Zukunft verrät. Mathematisch beschreibt es zunächst nur, was in den vergangenen 200 Handelstagen mit dem Kurs geschehen ist. Das kann nützlich sein.
Trendfolger wollen gar nicht den exakten Tiefpunkt erwischen. Sie warten bewusst darauf, dass sich eine Bewegung bestätigt, und akzeptieren dafür einen späteren Einstieg. Problematisch wird es erst, wenn aus einem Trendindikator eine Prognosemaschine wird.
Die Zahl von rund 270.000 Dollar illustriert das besonders gut. Sie entsteht nicht aus Cashflows, Gewinnen oder einem Bewertungsmodell. Bitcoin besitzt ohnehin keine klassischen Unternehmenskennzahlen, aus denen sich ein fairer Wert berechnen ließe. Sie entsteht aus einer historischen Gruppe von drei besonders erfolgreichen Chartmustern.
270.000 Dollar bleiben möglich – aber nicht wegen zweier Linien
Bei Bitcoin ist kaum ein Kursniveau prinzipiell ausgeschlossen. Die Kryptowährung hat in ihrer Geschichte mehrfach Bewegungen erlebt, die bei traditionellen Anlageklassen außergewöhnlich wären. Ebenso hat sie mehrfach mehr als die Hälfte ihres Werts verloren.
Ein neuer Bullenmarkt könnte Bitcoin irgendwann auch in Regionen von 200.000 oder 270.000 Dollar führen. Dafür müssten jedoch genügend Käufer bereit sein, zu immer höheren Preisen Kapital in den Markt zu geben.
ETF-Zuflüsse, Liquidität, Regulierung, Zinsen, institutionelle Nachfrage und das Vertrauen in Bitcoin als knappen digitalen Vermögenswert dürften dafür wesentlich wichtiger sein als ein gleitender Durchschnitt.
Das aktuelle Golden Cross sagt immerhin etwas. Bitcoin ist nicht mehr in demselben Abwärtstrend wie noch im Frühsommer. Wie weit die neue Bewegung trägt, steht in keinem Kreuz.
Stefanie S. Klief