Panorama

Das Vermögen ohne Heimat wird zum Standortfaktor

135.694 Krypto-Millionäre können ihr Kapital leichter über Grenzen bewegen als klassische Vermögende

8 Min.

09.09.2026

Singapur gilt als weltweit attraktivster Standort für international mobile Krypto-Vermögende – dank klarer Regulierung, starker Infrastruktur und steuerlicher Vorteile.

Bitcoin notiert deutlich unter seinem Rekordhoch, der Kryptomarkt hat gegenüber seinem Hoch massiv an Wert verloren – und trotzdem zählt ein neuer Vermögensreport weltweit 135.694 Menschen mit digitalen Assets im Wert von mindestens einer Million Dollar. Unter ihnen sind 23 Krypto-Milliardäre. Bemerkenswert ist dabei nicht nur, wie viel Vermögen in der noch jungen Anlageklasse entstanden ist. Kryptowerte verändern auch eine alte Beziehung: die zwischen Vermögen und seinem Standort. Eine Immobilie bleibt, wo sie steht. Eine Fabrik lässt sich nicht in eine Wallet packen. Bitcoin dagegen kann seinem Eigentümer über Landesgrenzen folgen. Damit konkurrieren Staaten zunehmend nicht mehr darum, wo das Vermögen liegt – sondern darum, wo dessen Besitzer leben.

92.272 Bitcoin-Millionäre trotz deutlicher Korrektur

Der am 8. September veröffentlichte Crypto Wealth Report 2026 von Henley & Partners beziffert die Zahl der Krypto-Millionäre weltweit auf 135.694. Voraussetzung ist ein Bestand digitaler Vermögenswerte von mindestens einer Million US-Dollar. Allein 92.272 Menschen überschreiten diese Schwelle mit Bitcoin. Hinzu kommen 290 Anleger mit mindestens 100 Millionen Dollar in Kryptowerten sowie 23 Krypto-Milliardäre. Neun von ihnen besitzen allein in Bitcoin mehr als eine Milliarde Dollar.

Dabei befindet sich die Anlageklasse keineswegs in einer euphorischen Hochphase. Zum Stichtag 31. August war der gesamte Kryptomarkt einschließlich Stablecoins rund 2,6 Billionen Dollar wert, davon entfielen etwa 1,6 Billionen Dollar auf Bitcoin. Bitcoin kostete zu diesem Zeitpunkt rund 78.000 Dollar und lag damit etwa 38 Prozent unter seinem Rekordhoch vom Oktober 2025. Zur Jahresmitte hatte der Abstand zum Höchststand zeitweise sogar mehr als 50 Prozent betragen.

Gemessen an früheren Bitcoin-Zyklen fiel die Korrektur dennoch vergleichsweise moderat aus. Nach den Hochpunkten von 2011, 2013, 2017 und 2021 hatte die Kryptowährung jeweils mehr als 75 Prozent ihres Wertes verloren. Das macht den aktuellen Rückgang nicht klein – zeigt aber, wie extrem die historischen Schwankungen der Anlageklasse waren.

Eine Zahl sollte man diesmal ausdrücklich nicht vergleichen

Auf den ersten Blick wirkt der neue Report allerdings irritierend. 2025 hatte Henley & Partners noch 241.700 Krypto-Millionäre ausgewiesen, jetzt sind es nur noch 135.694. Daraus lässt sich jedoch kein Rückgang um rund 44 Prozent ableiten.

Der Grund ist methodisch. Für die Ausgabe 2026 wurde die Berechnung grundlegend verändert. Henley beginnt nun unter anderem mit öffentlich sichtbaren Blockchain-Daten, entfernt institutionelle Wallets von Börsen und Fonds, berücksichtigt verlorene Coins, versucht mehrere Adressen eines Eigentümers zusammenzuführen und ergänzt Anleger, die Bitcoin ausschließlich über börsengehandelte Fonds halten. Für die Gesamtzahl der Krypto-Millionäre wird anschließend unter anderem der Bitcoin-Anteil am Kryptomarkt herangezogen. Henley selbst weist ausdrücklich darauf hin, dass die Zahlen von 2026 nicht mit früheren Ausgaben vergleichbar sind und veröffentlicht deshalb bewusst keine Veränderungsrate gegenüber dem Vorjahr.

Auch die aktuelle Zahl ist damit keine exakte Volkszählung der Krypto-Reichen. Für die 135.694 Millionäre nennt die Methodik eine plausible Bandbreite von 132.000 bis 154.000 Personen. Gerade bei anonymen oder pseudonymen Blockchain-Adressen bleibt die Zuordnung zu einzelnen Menschen zwangsläufig eine Schätzung.

742 Millionen Menschen besitzen inzwischen Kryptowerte

Am anderen Ende der Vermögenspyramide zeigt der Report zugleich, wie breit die Anlageklasse inzwischen geworden ist. Rund 742 Millionen Menschen sollen weltweit Kryptowährungen in irgendeiner Höhe besitzen, davon etwa 371 Millionen Bitcoin. Auch diese Werte sind Schätzungen auf Basis von Blockchain- und Marktdaten.

Damit geht es längst nicht mehr ausschließlich um eine kleine Gruppe technologisch versierter Spekulanten. Kryptowerte sind in Vermögensverwaltung, ETFs, Zahlungsverkehr und zunehmend auch in die Regulierung klassischer Finanzmärkte vorgedrungen.

Für vermögende Eigentümer kommt jedoch eine Eigenschaft hinzu, die klassische Sach- und Finanzwerte nur eingeschränkt besitzen: Portabilität.

Eine Immobilie unterliegt den Regeln des Staates, in dem sie steht. Unternehmensanteile hängen an Gesellschafts-, Steuer- und Kapitalmarktrecht. Selbst klassische Bankvermögen werden von Instituten verwahrt, deren Standort und Regulierung relevant bleiben. Selbstverwahrte digitale Vermögenswerte können dagegen zusammen mit ihrem Eigentümer den Standort wechseln, ohne dass dafür das Asset selbst physisch transferiert werden müsste.

Henley fasst diese Verschiebung sinngemäß so zusammen: Das Krypto-Vermögen braucht den Staat womöglich nicht mehr – sein Besitzer aber schon. Er benötigt weiterhin Wohnsitz, Rechtsschutz, Bankzugang, Infrastruktur und ein Steuersystem. Genau dort beginnt inzwischen ein internationaler Standortwettbewerb.

Singapur führt – die Emirate punkten mit Steuern

Der dazugehörige Crypto Adoption Index untersucht 36 Länder mit Aufenthalts- oder Staatsbürgerschaftsprogrammen anhand von mehr als 900 Datenpunkten. Bewertet werden unter anderem Regulierung, Besteuerung, technologische Infrastruktur, Innovation sowie die tatsächliche Nutzung von Kryptowerten. Deshalb ist der Index kein allgemeines Ranking sämtlicher Staaten, sondern speziell auf international mobile Anleger zugeschnitten.

An der Spitze steht zum vierten Mal in Folge Singapur. Der Stadtstaat verbindet eine entwickelte Krypto-Infrastruktur mit Lizenzierung durch die Monetary Authority of Singapore und erhebt für Privatanleger grundsätzlich keine Kapitalertragsteuer.

Auf Platz zwei folgen die Vereinigten Arabischen Emirate. Sie erhalten im Index die Höchstwertung für Steuerfreundlichkeit; Krypto-Handel, Staking und Mining werden dort für Privatpersonen nicht mit einer persönlichen Einkommensteuer belastet. Hongkong folgt auf Platz drei, die USA auf Rang vier und die Schweiz auf Rang fünf. Die Schweiz profitiert unter anderem von ihrem seit Jahren gewachsenen Blockchain-Cluster in Zug und davon, dass private Kapitalgewinne unter bestimmten Voraussetzungen steuerfrei bleiben.

Der Wettbewerb zeigt, wie aus einem vermeintlich ortlosen Vermögenswert ein Standortthema wird: Je leichter Kapital technisch beweglich wird, desto wichtiger können die Bedingungen werden, die den Menschen dahinter an einen Standort binden.

Europa hat die Regeln vereinheitlicht – nun entscheiden andere Faktoren

In der Europäischen Union hat MiCAR seit Ende 2024 einen weitgehend einheitlichen Regulierungsrahmen für Kryptowerte geschaffen. Das erhöht Rechtssicherheit, nimmt einzelnen Mitgliedstaaten aber zugleich einen Teil der Möglichkeit, über besonders lockere nationale Krypto-Regeln miteinander zu konkurrieren. Unterschiede bei Steuern, Aufenthaltsrechten und Lebensbedingungen gewinnen damit an Bedeutung.

Portugal etwa stellt private Gewinne aus digitalen Vermögenswerten nach einer Haltedauer von mehr als einem Jahr unter bestimmten Voraussetzungen steuerfrei. Italien kombiniert Aufenthaltsmöglichkeiten für internationale Investoren mit einem Pauschalsteuermodell für qualifizierte Neuansässige.

Deutschland besitzt derzeit ebenfalls einen für langfristige Privatanleger bemerkenswerten Vorteil: Kryptowährungen gelten steuerlich grundsätzlich als »andere Wirtschaftsgüter«. Werden sie im Privatvermögen länger als ein Jahr gehalten, fällt ein späterer Veräußerungsgewinn nach der derzeitigen Rechtslage grundsätzlich nicht mehr unter die Besteuerung privater Veräußerungsgeschäfte. Das Bundesfinanzministerium bestätigte diese Systematik zuletzt in seinem Anwendungsschreiben zu Kryptowerten.

Ob das so bleibt, ist allerdings offen. Finanzminister Lars Klingbeil erklärte im Juli, sein Ministerium arbeite daran, Kryptogewinne steuerlich stärker an andere Kapitalerträge anzugleichen. Auf die konkrete Frage, ob die Ein-Jahres-Frist fallen solle, verwies er auf ein noch auszuarbeitendes Gesetz. Beschlossen ist die Abschaffung bislang nicht.

Die Wallet ist mobil – der Besitzer bleibt verwundbar

Ausgerechnet die vermeintliche Grenzenlosigkeit von Kryptowährungen führt damit zu einer neuen Form des Standortwettbewerbs. Wer einen Großteil seines Vermögens selbst verwahrt, kann technisch sehr viel leichter den Lebensmittelpunkt wechseln als der Eigentümer eines Hotels, eines Mietshauses oder einer Fabrik.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Krypto-Vermögen außerhalb staatlicher Kontrolle existiert. 76 Jurisdiktionen haben sich inzwischen dem OECD-Meldesystem für Kryptowerte angeschlossen. Zwischen den ersten 46 Teilnehmern sollen ab September 2027 Informationen ausgetauscht werden. Auch die EU hat mit DAC8 die steuerliche Transparenz bei Kryptotransaktionen deutlich ausgeweitet.

Die Entwicklung läuft damit in zwei Richtungen gleichzeitig: Das Vermögen wird technisch beweglicher, seine Eigentümer werden regulatorisch sichtbarer.

Für Anleger ist das ein interessanter Gegensatz. Bitcoin wurde einst auch mit dem Versprechen groß, Vermögen von Banken und nationalen Grenzen unabhängiger zu machen. Mit 135.694 geschätzten Krypto-Millionären ist daraus inzwischen ein Vermögenssegment geworden, um dessen Besitzer Staaten ganz klassisch konkurrieren – mit Steuern, Rechtssicherheit, Infrastruktur und Aufenthaltsrechten.

Der Krypto-Millionär mag sein Vermögen in einer Wallet tragen können.

Wo er mit dieser Wallet leben möchte, ist inzwischen selbst zu einer wirtschaftlichen Standortfrage geworden.

Stefanie S. Klief

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