Man könnte annehmen, dass ein Gemälde, das möglicherweise teilweise von Leonardo da Vinci selbst stammt, mit großem Trommelwirbel in einem der bedeutendsten Museen der Welt präsentiert würde. Bei der »Madonna mit der Spindel« geschah nahezu das Gegenteil. Das kleine Werk tauchte im Frühjahr vergleichsweise unauffällig in Saal 609 des Metropolitan Museum of Art in New York auf. Erst nach und nach wurde öffentlich, wem es gehört: dem Hedgefonds-Milliardär und Kunstsammler Kenneth C. Griffin. 2024 hatte er das Bild in einem privaten Geschäft über Christie’s erworben. Der Preis blieb geheim.
Ein Leonardo – aber nicht nur ein Leonardo
Auf dem Schild im Met findet sich eine entscheidende Einschränkung.
Das Museum führt die um 1501 entstandene »Madonna of the Yarnwinder«, auch Lansdowne Madonna genannt, als Werk von »Leonardo da Vinci and Studio« – Leonardo da Vinci und Werkstatt. Eine eindeutige Zuschreibung ausschließlich an den Renaissance-Meister wäre wissenschaftlich nicht abgesichert.
Gerade bei Leonardo macht diese Unterscheidung einen enormen Unterschied.
Von ihm sind nur sehr wenige Gemälde erhalten beziehungsweise anerkannt. Zugleich war es in Renaissancewerkstätten selbstverständlich, dass Schüler und Mitarbeiter an Bildern beteiligt waren. Bei der Lansdowne Madonna ist seit Jahrzehnten umstritten, wie viel tatsächlich von Leonardos eigener Hand stammt.
Dass die Komposition auf ihn zurückgeht, steht dagegen kaum infrage. In einem Brief aus dem Jahr 1501 wird beschrieben, wie Leonardo an einer Madonna arbeitete, bei der das Jesuskind ein kreuzförmiges Gerät zum Aufwickeln von Garn betrachtet. Das Motiv entspricht den heute bekannten Versionen sehr genau. Das Met bezeichnet die Lansdowne Madonna als eine der besten erhaltenen Fassungen dieser Komposition.
Ein zweites besonders bedeutendes Exemplar, die sogenannte Buccleuch Madonna, befindet sich seit Jahren als Leihgabe in den National Galleries of Scotland.
Damit beginnt bereits die Besonderheit dieses Marktes: Bei einem Künstler mit extrem kleinem Œuvre kann schon die Frage, ob ein Gemälde zu zehn, zwanzig oder dreißig Prozent eigenhändig ausgeführt wurde, seinen wissenschaftlichen Rang – und potenziell seinen finanziellen Wert – erheblich verändern.
Der Preis ist unbekannt
Griffin kaufte die Lansdowne Madonna 2024 in einer privaten Transaktion über Christie’s. Eine öffentliche Auktion gab es nicht. Christie’s äußert sich nicht zu den Details, auch Griffins Vertreter nennt keinen Kaufpreis. Nach Recherchen von Artnet wurde das Geschäft vom weltweiten Christie’s-Präsidenten Alex Rotter vermittelt.
Damit fehlt ausgerechnet die Zahl, die auf dem Kunstmarkt normalerweise die größte Aufmerksamkeit erzeugt.
Es gibt lediglich Schätzungen. Der New Yorker Altmeisterhändler Otto Naumann hatte bereits 2017 einen möglichen Marktwert von rund 200 Millionen Dollar für eine der beiden bedeutenden Spindel-Madonnen genannt. Kunstmarktexperte Nanne Dekking hält heute sogar bis zu 250 Millionen Dollar für denkbar. Beide Werte sind keine Verkaufspreise und sollten deshalb auch nicht als solche behandelt werden.
Zum Vergleich drängt sich dennoch ein Name auf: »Salvator Mundi«. Das Leonardo zugeschriebene Christusbild wurde 2017 bei Christie’s für 450,3 Millionen Dollar verkauft und ist bis heute das teuerste jemals öffentlich versteigerte Kunstwerk.
Gerade dieser Vergleich zeigt allerdings auch, wie vorsichtig Spitzenkunst zu bewerten ist. Nicht nur Künstlername und Schönheit entscheiden über den Preis, sondern Provenienz, Erhaltungszustand, wissenschaftlicher Konsens, öffentliche Aufmerksamkeit – und letztlich die Frage, ob sich zwei sehr vermögende Käufer im richtigen Moment gegenseitig überbieten.
Bei einzigartiger Kunst gibt es keinen Marktpreis im üblichen Sinn
Das unterscheidet Kunst von vielen anderen Sachwerten.
Für eine Feinunze Gold lässt sich jederzeit ein Marktpreis feststellen. Bei Immobilien existieren zumindest Vergleichsobjekte. Ein Leonardo-Gemälde besitzt dagegen praktisch keinen liquiden Referenzmarkt.
Wenn ein vergleichbares Werk jahrzehntelang nicht verkauft wird, ist sein »Wert« zwangsläufig eine Schätzung. Das kann Kunst zu einem faszinierenden Sachwert machen – aber ebenso zu einem schwer kalkulierbaren.
Der Markt für Spitzenwerke funktioniert über extreme Knappheit. Ein Bild kann über Generationen in einer Familie oder Sammlung verschwinden. Kommt eines auf den Markt, treffen plötzlich einige der reichsten Sammler der Welt auf ein Objekt, das sich nicht reproduzieren lässt.
Bei Leonardo wird dieser Effekt maximal.
Griffin sammelt längst nicht nur Aktien
Kenneth Griffin gehört zu den vermögendsten Finanzinvestoren der USA. Bekannt wurde er als Gründer und CEO des Hedgefonds Citadel.
Auch auf dem Kunstmarkt tritt er seit Jahren in einer Größenordnung auf, die nur wenige Privatsammler erreichen. Besonders bekannt wurde 2016 sein Kauf von Willem de Koonings »Interchange« und Jackson Pollocks »Number 17A« aus der Sammlung des Medienunternehmers David Geffen. Für beide Werke zusammen soll Griffin rund 500 Millionen Dollar gezahlt haben.
Seine Sammlung reicht inzwischen weit über moderne und zeitgenössische Kunst hinaus.
2021 ersteigerte Griffin eine äußerst seltene Erstausgabe der US-Verfassung für 43,2 Millionen Dollar. 2024 bezahlte er für das Stegosaurus-Skelett »Apex« 44,6 Millionen Dollar – damals ein Auktionsrekord für ein Fossil. In jüngerer Zeit wurde zudem deutlich, dass Griffin seine Sammlung bedeutender Alter Meister ausbaut.
Die Lansdowne Madonna ist damit Teil einer Sammlung, bei der Sachwerte verschiedener Jahrhunderte nebeneinanderstehen: Kunstwerke, historische Dokumente und naturgeschichtliche Objekte.
Gemeinsam ist ihnen vor allem eines: Sie sind kaum oder gar nicht ersetzbar.
Besitz bedeutet nicht zwangsläufig Verschwinden
Beim Leonardo fällt allerdings ein weiterer Aspekt auf.
Griffin lässt das Werk nicht in einem privaten Wohnhaus oder Depot verschwinden, sondern stellt es dem Metropolitan Museum zur Verfügung. In einem aktuellen Statement erklärte er, er freue sich darüber, dass das weltweite Publikum des Met die künstlerische Qualität des Werks unmittelbar erleben könne.
Damit entsteht ein interessanter Gegensatz zum »Salvator Mundi«.
Seit dessen Rekordverkauf 2017 wurde das Werk öffentlich kaum noch gesehen. Sein Aufenthaltsort und geplante Präsentationen beschäftigen die Kunstwelt seit Jahren. Ein Werk kann also einen extremen Marktwert besitzen und gleichzeitig aus dem kulturellen Leben praktisch verschwinden.
Private Sammler besitzen deshalb bei absoluter Spitzenkunst eine Macht, die über den finanziellen Wert hinausgeht.
Sie entscheiden mit darüber, ob ein bedeutendes Werk erforscht werden kann, in Ausstellungen erscheint und von Millionen Menschen gesehen wird – oder nur wenigen Gästen eines privaten Hauses zugänglich bleibt.
Museen wiederum sind zunehmend auf solche Leihgaben angewiesen. Selbst große Häuser können bei Preisen im dreistelligen Millionenbereich nur selten mit Milliardären konkurrieren.
Auch Öffentlichkeit kann den Wert verändern
Eine Museumsleihgabe ist dabei keineswegs nur Philanthropie.
Wenn ein Werk im Metropolitan Museum hängt, wird es wissenschaftlich eingeordnet, von Fachleuten diskutiert, fotografiert und einem internationalen Publikum bekannt. Die Verbindung mit einem weltweit führenden Museum kann seine Bedeutung im öffentlichen Bewusstsein stärken.
Das bedeutet nicht, dass das Met mit seiner Präsentation automatisch einen Marktwert bestätigt.
Es zeigt aber, wie eng bei Kunst kulturelles Renommee und wirtschaftlicher Wert miteinander verbunden sein können.
Für die Lansdowne Madonna ist das besonders interessant, weil ihre Zuschreibung weiterhin Raum für wissenschaftliche Diskussionen lässt. Neue Untersuchungsmethoden hatten bereits während einer umfangreichen Restaurierung zwischen 2002 und 2006 verborgene Veränderungen unter der sichtbaren Malschicht nachgewiesen. Solche sogenannten Pentimenti können wichtige Hinweise darauf liefern, wie ein Gemälde entstanden ist und ob Leonardo selbst daran gearbeitet haben könnte.
Je stärker sich eine Zuschreibung wissenschaftlich erhärtet, desto größer kann auch die kunsthistorische – und damit potenziell finanzielle – Bedeutung eines Werks werden. Das Gegenteil gilt ebenso.
Ein Sachwert, dessen wichtigste Eigenschaft nicht sein Preis ist
Die Lansdowne Madonna zeigt damit ziemlich gut, warum Kunst unter den Sachwerten eine Sonderstellung besitzt.
Sie wirft keine Miete ab, zahlt keine Dividende und besitzt keinen transparenten Börsenkurs. Ihr möglicher Wert hängt von einer ungewöhnlichen Mischung aus Knappheit, Geschichte, wissenschaftlicher Zuschreibung, Erhaltungszustand, Provenienz und Begehrlichkeit ab.
Bei einem Werk aus dem Umfeld Leonardo da Vincis kann eine einzige neue Erkenntnis über die Hand des Meisters diese Mischung verändern.
Ken Griffin dürfte beim Kauf 2024 sehr genau gewusst haben, dass er kein gewöhnliches Investment erwirbt. Und indem die Madonna nun im Met hängt, bekommt das Objekt etwas zurück, das sich in keiner Vermögensaufstellung beziffern lässt: Öffentlichkeit.
Für Anleger ist Kunst deshalb vielleicht der ungewöhnlichste aller Sachwerte.
Man kann ihren Preis besitzen. Ihre Bedeutung gehört trotzdem nie einem Menschen allein.
Stefanie S. Klief