Panorama

Standortfaktor: Nickolas Emrich über innere Sicherheit

Mit einem Alkoholverbot sollen die Bahnhöfe wieder attraktiver werden – eine Entscheidung, mit der die Deutsche Bahn kürzlich für Aufsehen sorgte. Doch ist eine solche Maßnahme ausreichend, um das Sicherheitsgefühl der Menschen nachhaltig zu verbessern? Die Frage der inneren Sicherheit betrifft längst nicht mehr nur den Alltag der Bürger, sondern auch Deutschlands wirtschaftliche Zukunft. Denn Sicherheit ist ein relevanter Standortfaktor – davon ist der Unternehmer, Buchautor und ehemalige Polizist Nickolas Emrich überzeugt. Welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit Deutschland auch künftig wettbewerbsfähig bleibt, und ob er selbst weiterhin in Deutschland investieren würde, hat er im Interview erläutert.

4 Min.

28.07.2026

Herr Emrich, Ihr neues Buch beschäftigt sich mit innerer Sicherheit. Sie waren selbst mal Polizist, sind jetzt Investor und Autor. Stehen wir heute schlechter oder besser da als vor zehn Jahren?

In der Breite ist das Bild gemischt, aber in den Bereichen, die den Alltag der Menschen prägen, ist die Antwort eindeutig: schlechter. Die Gewaltkriminalität auf deutschen Bahnhöfen ist seit dem Jahr 2019 um mehr als 50 Prozent gestiegen. Gewaltdelikte an Schulen haben in manchen Bundesländern innerhalb weniger Jahre deutlich zugenommen und gerade Sexualdelikte mit großer medialer Aufmerksamkeit prägen sich in das Gedächtnis der Menschen ein. Was mich als ehemaligen Ermittler besonders beunruhigt, ist nicht die Zahl der Straftaten insgesamt, sondern die Konzentration bei Wiederholungstätern – eine kleine Gruppe, die immer wieder auffällt, ohne dass das System schnell genug reagiert. Das erzeugt ein Klima, in dem sich Bürger zurückziehen, bestimmte Orte meiden, ihren Alltag der gefühlten und tatsächlichen Unsicherheit anpassen. Das ist ökonomisch relevant; nicht nur sicherheitspolitisch.

Wie wirkt sich das Sicherheitsgefühl insbesondere auf das Anlageverhalten aus?

Sicherlich gibt es hier zahlreiche indirekte Auswirkungen. Das ist im Kern eine Vertrauensfrage: Wenn Bürger dem Staat nicht mehr zutrauen, den öffentlichen Raum und die Rechtsdurchsetzung verlässlich zu gewährleisten, suchen sie Absicherung außerhalb dieses Vertrauensverhältnisses. Konkret sehen wir das auch bei der Immobilienbewertung: Die Lagequalität einer Immobilie hängt zunehmend nicht mehr nur von Infrastruktur und Wirtschaftskraft ab, sondern explizit von der subjektiven und objektiven Sicherheitslage im Viertel. Unternehmen kalkulieren Sicherheitskosten – private Wachdienste, Kameras, Versicherungsprämien – längst in ihre Standortentscheidungen ein. Das ist eine versteckte Sicherheitssteuer, die nirgends in offiziellen Statistiken auftaucht, aber sehr real ist. Google hat sogar seine Pläne für einen Start-up-Campus in Berlin-Kreuzberg aufgegeben. Nach heftigen Protesten war absehbar, dass eine friedliche Koexistenz an diesem Ort wohl nicht möglich gewesen wäre.

Gibt es einen Dominoeffekt, wenn kleine Verstöße zu größeren führen?

Ja, Verwahrlosung zieht Verwahrlosung an. Wo kleine Regelverstöße toleriert werden, ziehen sich die Regeltreuen zurück, und die Rücksichtslosen übernehmen den Raum. Aus meiner Zeit als Ermittler kann ich das bestätigen: Es sind fast immer dieselben Namen, die zuerst mit Bagatelldelikten auffallen und später eskalieren, weil sie merken, dass Konsequenzen ausbleiben. Diesen Mechanismus sehe ich auch ganz konkret auf der Ebene von Einzelhandelslagen: Wenn in einer Einkaufsstraße wiederholt Ladendiebstähle, Vandalismus oder aggressives Betteln folgenlos bleiben, ziehen sich zunächst die etablierten Geschäfte zurück, die Fluktuation steigt, die Mieten fallen – und mit ihnen der Wert der gesamten Lage. Was als kleine Regelverletzung beginnt, endet nicht selten als messbarer Wertverlust einer ganzen Straße.

Würden Sie heute noch in Deutschland investieren?

Ja, aber mit klarem Blick auf die Risiken. Deutschland hat nach wie vor enorme Stärken, wie etwa qualifizierte Arbeitskräfte, verlässliche Institutionen in den meisten Bereichen, allerdings auch eine überbordende Bürokratie, die Unternehmer gängelt und Intensivtäter laufen lässt. Was mich zunehmend beunruhigt, ist die Erosion der Verlässlichkeit genau dort, wo sie am sichtbarsten ist – im öffentlichen Raum. Ein Investor kalkuliert nicht nur Steuersätze und Bürokratiekosten, sondern auch, ob ein Standort für Mitarbeiter, Kunden und Familien attraktiv und sicher bleibt. Das ist kein Abgesang auf den Standort Deutschland, aber eine ehrliche Neubewertung dessen, was Standortqualität heute tatsächlich bedeutet.

Welche Voraussetzungen müssen künftig erfüllt sein, damit Deutschland als Investitionsstandort attraktiv bleibt?

Sicherheit muss als eigenständiger Standortfaktor anerkannt werden – gleichrangig mit Steuern, Energiekosten und Bürokratieabbau, der jedoch leider auch nicht wirklich anläuft. Das bedeutet konkret: schnellere Gerichtsverfahren, damit Konsequenzen zeitnah und damit wirksam eintreten. Konsequentere Untersuchungshaft bei einschlägig bekannten Wiederholungstätern. Weniger folgenlose Verfahrenseinstellungen bei Straßenkriminalität, die sich sonst oft zu Mustern verfestigt. Das kostet zunächst Ressourcen, zahlt sich aber langfristig aus, wenn kriminelle Karrieren mit dutzenden Wiederholungstaten gar nicht erst entstehen können. Für Unternehmer ist vor allem eines entscheidend: Verlässlichkeit. Ein Staat, der seine eigenen Regeln nicht durchsetzt, sendet ein Signal weit über die Sicherheitspolitik hinaus – auch an Kapitalgeber, die Vertragssicherheit und Rechtsdurchsetzung als Grundvoraussetzung für langfristiges Engagement verstehen.

Der Autor:

Nickolas Emrich war Polizist, bevor er sich als Unternehmer und Spiegel-Bestseller-Autor einen Namen machte. 

Sein neues Buch »Der Preis unserer Toleranz: Warum innere Sicherheit die neue soziale Gerechtigkeit ist«, ist im Juli 2026 erschienen.

Das könnte Sie auch interessieren:

Nach oben