Wenn die Aktienmärkte einbrechen, suchen Anleger traditionell Schutz in Gold. Doch beim jüngsten Börsenbeben funktioniert dieser Mechanismus nur eingeschränkt. Während Technologieaktien weltweit unter Verkaufsdruck geraten, verliert auch das Edelmetall zeitweise deutlich an Wert. Am Freitagmorgen notiert Gold bei rund 4.050 Dollar je Feinunze. Gleichzeitig senkt Goldman Sachs seine Preisprognose für Ende 2026 von 4.650 auf 4.150 Dollar. Ausgerechnet in dieser angespannten Lage meldet der World Gold Council jedoch neue Rekordwerte bei der Goldnachfrage institutioneller Investoren. Was wie ein Widerspruch aussieht, offenbart die unterschiedlichen Kräfte, die den Goldmarkt derzeit bestimmen.
Die heftigen Kursverluste an den internationalen Aktienmärkten haben auch den Goldmarkt erfasst. Am Freitagmorgen, dem 6. November, verbilligte sich das Edelmetall zeitweise um mehr als ein Prozent.
Gegen 8.30 Uhr kostete eine Feinunze Gold am europäischen Spotmarkt rund 4.051 Dollar. Im weiteren Vormittagshandel konnte der Preis einen Teil der Verluste wieder ausgleichen. Am Donnerstag hatte das Edelmetall von sinkenden amerikanischen Anleiherenditen und einem schwächeren Dollar zunächst noch profitiert. Während die Aktienmärkte massiv einbrachen, konnte Gold zeitweise sogar zulegen.
Erst danach verstärkte sich der Verkaufsdruck. Anleger trennten sich zunehmend auch von Goldpositionen, obwohl die Unsicherheit an den Finanzmärkten weiter zunahm. Dennoch bleibt das Edelmetall auf Wochensicht deutlich im Plus. Nach Berechnungen von Reuters steuert Gold auf einen Gewinn von rund fünf Prozent und damit auf die stärkste Handelswoche seit mehr als zwei Monaten zu.
Der gleichzeitige Wochengewinn und der Kursrückgang am Freitag verdeutlichen, wie widersprüchlich die derzeitigen Marktkräfte wirken.
Warum Gold auch in einer Krise fallen kann
Hinter dem ungewöhnlichen Kursverlauf steckt ein Mechanismus, der bereits in früheren Finanzkrisen zu beobachten war. Wenn Aktienkurse innerhalb kurzer Zeit massiv einbrechen, benötigen manche Anleger und institutionelle Investoren zusätzliche Liquidität. Vorwiegend bei kreditfinanzierten Handelspositionen kann es erforderlich werden, Sicherheiten nachzuschießen oder bestehende Verbindlichkeiten zu reduzieren.
Um die dafür benötigten Mittel zu beschaffen, werden mitunter auch Vermögenswerte verkauft, deren langfristige Entwicklung weiterhin positiv eingeschätzt wird. Gold eignet sich dafür besonders gut, weil es an internationalen Märkten vergleichsweise schnell und in großen Mengen gehandelt werden kann.
In einer akuten Liquiditätskrise kann das Edelmetall deshalb gerade wegen seiner hohen Handelbarkeit unter Verkaufsdruck geraten. Analysten verweisen darauf, dass der jüngste Ausverkauf bei Technologieaktien solche Verkäufe begünstigt haben dürfte. Goldman Sachs warnt ebenfalls davor, dass kräftige Aktienverluste zunächst zu weiteren Goldverkäufen führen können, wenn Investoren ihre Verschuldung abbauen und Sicherheiten beschaffen müssen.
Das bedeutet allerdings nicht, dass jeder Rückgang des Goldpreises unmittelbar auf entsprechende Notverkäufe zurückzuführen ist. Auch veränderte Zinserwartungen, Währungsbewegungen und spekulative Positionierungen beeinflussen den Kurs.
Die Entwicklung zeigt vielmehr, dass Gold nicht in jeder Phase einer Finanzkrise automatisch steigt. Seine Funktion als langfristiges Instrument zur Risikostreuung schützt nicht vor kurzfristigen Preisverlusten.
Der Ölpreis verschärft das Zinsproblem
Zusätzlichen Druck erzeugt die Entwicklung am Ölmarkt.
Nachdem die Rohölpreise zunächst deutlich gefallen waren, setzte am Freitag eine Gegenbewegung ein. Die international wichtige Nordseesorte Brent bewegte sich wieder um die Marke von 100 Dollar je Barrel. Hinter den starken Preisschwankungen stehen vor allem die anhaltenden militärischen Spannungen im Nahen Osten und Unsicherheiten über die Ölversorgung aus der Golfregion.
Nach den amerikanischen Zwischenwahlen hatten die Märkte zunächst auf eine mögliche politische Entspannung im Iran-Konflikt gesetzt. Angriffe auf Tanker und weiterhin bestehende Risiken für die Schifffahrt durch die Straße von Hormus zeigen jedoch, dass eine nachhaltige Entspannung keineswegs gesichert ist.
Für den Goldpreis ergibt sich daraus ein zusätzlicher Belastungsfaktor. Steigende Energiepreise können die Inflation antreiben. Bleibt der Preisauftrieb hartnäckig, wächst der Druck auf die amerikanische Notenbank, ihre Leitzinsen länger hoch zu halten oder weiter anzuheben.
Für Gold ist das problematisch, weil das Edelmetall selbst keine laufenden Zinserträge abwirft. Steigen die Renditen sicherer Anleihen, erhöhen sich die sogenannten Opportunitätskosten einer Goldanlage. Anleger verzichten dann auf höhere mögliche Zinserträge, wenn sie ihr Kapital stattdessen in Gold halten. Hinzu kommt, dass höhere amerikanische Zinsen häufig den Dollar stützen. Da Gold international überwiegend in Dollar gehandelt wird, kann eine stärkere US-Währung den Preis zusätzlich belasten.
Allerdings ist dieser Zusammenhang nicht immer eindeutig. In Phasen besonders hoher Inflations- oder Staatsverschuldungssorgen kann Gold trotz steigender Zinsen gefragt bleiben. Entscheidend ist deshalb, welcher Einfluss an den Märkten gerade überwiegt.
Goldman Sachs senkt die Prognose deutlich
Wie stark die Zinserwartungen inzwischen auf den Goldmarkt wirken, zeigt eine neue Einschätzung der US-Investmentbank Goldman Sachs. Die Analysten um Lina Thomas reduzierten ihre Goldpreisprognose für Ende 2026 von bislang 4.650 auf 4.150 Dollar je Feinunze.
Das entspricht einer Kürzung um 500 Dollar beziehungsweise knapp elf Prozent. Auch das Kursziel für Ende 2027 wurde deutlich gesenkt: Statt 5.400 Dollar erwartet die Bank nun 4.800 Dollar. Zur Begründung verweist Goldman Sachs vor allem auf den restriktiveren geldpolitischen Kurs der amerikanischen Notenbank.
Die Analysten gehen davon aus, dass eine mögliche weitere Zinserhöhung im Dezember und eine insgesamt straffere Geldpolitik die Nachfrage nach Gold als Absicherung gegen wirtschafts- und finanzpolitische Risiken begrenzen könnten. Dabei geht es insbesondere um Anleger, die Gold wegen möglicher Währungsabwertung, steigender Staatsschulden oder einer nachlassenden Kaufkraft halten.
Goldman Sachs erwartet, dass sich diese zusätzliche Nachfrage zunächst wieder stärker normalisiert. Die neue Prognose bedeutet allerdings keinen grundsätzlichen Abschied von einer positiven langfristigen Einschätzung.
Mit 4.800 Dollar für Ende 2027 liegt das Kursziel weiterhin deutlich über dem aktuellen Preisniveau. Die Bank unterscheidet somit zwischen kurzfristigen Belastungen durch Zinsen und Finanzmarktpositionierungen und den längerfristigen Gründen für eine Goldanlage.
Der Rückschlag begann bereits vor dem Börsencrash
Dass der Goldpreis derzeit unter Druck steht, ist keine Entwicklung, die erst mit den jüngsten Verlusten an den Aktienmärkten begonnen hat. Nach Berechnungen des World Gold Council verlor Gold im Oktober 6,3 Prozent an Wert und beendete den Monat bei rund 3.913 Dollar je Feinunze. Verglichen mit dem Rekordhoch vom Januar 2026 hatte das Edelmetall damit bereits ungefähr ein Viertel seines Wertes eingebüßt.
Die Organisation sieht mehrere Gründe für diese Entwicklung. Neben veränderten Zinserwartungen spielte vor allem die Auflösung spekulativer Positionen eine wichtige Rolle. Allein im Oktober verringerte sich die Netto-Positionierung professioneller Finanzinvestoren am amerikanischen Terminmarkt COMEX nach Angaben des World Gold Council um einen Gegenwert von rund sieben Milliarden Dollar. Zudem schichteten Anleger zeitweise sowohl aus Aktien als auch aus Gold in Staatsanleihen um.
Dadurch entstand eine für den Goldmarkt ungewöhnliche Situation: Sinkende Anleiherenditen stützten das Edelmetall nicht in dem Maße, wie es unter normalen Marktbedingungen zu erwarten gewesen wäre.
Der World Gold Council hält es zwar für möglich, dass sich der Goldpreis inzwischen einer vorläufigen Bodenbildung nähert. Gleichzeitig betont die Organisation jedoch, dass spekulative Positionen noch nicht vollständig abgebaut seien und deshalb weitere Kursrückgänge möglich bleiben.
Eine verlässliche Preisuntergrenze lässt sich aus den bisherigen Daten nicht ableiten.
Zentralbanken kaufen weiter – trotz der Kursschwäche
Während kurzfristig orientierte Anleger ihre Positionen reduzieren, zeigt sich bei den Zentralbanken ein anderes Bild. Nach dem am 3. November veröffentlichten Quartalsbericht des World Gold Council kauften Zentralbanken und andere offizielle Institutionen im dritten Quartal 2026 netto 321 Tonnen Gold.
Das waren 42 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum und die höchste Quartalsmenge seit Ende 2024. In den ersten neun Monaten des Jahres summierten sich die Käufe damit auf 675 Tonnen, rund sechs Prozent mehr als im entsprechenden Zeitraum des Vorjahres. Besonders stark trat die chinesische Zentralbank als Käufer auf. Auch Polen stockte seine Goldreserven weiter auf.
Die Beweggründe unterscheiden sich grundlegend von denen kurzfristiger Finanzinvestoren. Zentralbanken erwerben Gold in erster Linie, um ihre Währungsreserven breiter aufzustellen, Abhängigkeiten von einzelnen Währungen zu verringern und langfristige finanzielle Risiken abzusichern. Sie verfolgen damit einen anderen Anlagehorizont als Investoren, die auf kurzfristige Kursbewegungen reagieren.
Auch börsengehandelte, physisch besicherte Goldfonds verzeichneten im dritten Quartal starke Zuflüsse. Weltweit erhöhten sich ihre Bestände um 211 Tonnen auf den Rekordwert von 4.256 Tonnen. Das zeigt, dass die jüngste Schwäche am Goldmarkt keineswegs mit einem allgemeinen Nachfrageeinbruch gleichzusetzen ist. Allerdings ist auch die Nachfrage der Zentralbanken kein Garant für steigende Preise. Die Käufe können den Markt stützen, ohne kurzfristige Verluste vollständig auszugleichen.
US-Arbeitsmarkt wird zum nächsten wichtigen Signal
Kurzfristig dürfte nun vor allem der amerikanische Arbeitsmarktbericht für Oktober entscheidend sein.
Die Veröffentlichung ist für 14.30 Uhr deutscher Zeit vorgesehen.
Volkswirte rechnen laut einer Reuters-Umfrage mit 65.000 zusätzlich geschaffenen Stellen außerhalb der Landwirtschaft. Im September hatte der Beschäftigungszuwachs lediglich 29.000 betragen. Die Arbeitslosenquote dürfte nach den Erwartungen bei 4,2 Prozent bleiben.
Für den Goldmarkt ist vor allem relevant, welche Rückschlüsse die Zahlen auf die weitere Geldpolitik zulassen. Ein überraschend schwacher Arbeitsmarkt könnte die Erwartungen weiterer Zinserhöhungen dämpfen und den Goldpreis stützen. Robustere Beschäftigungszahlen oder ein stärkerer Lohndruck könnten dagegen den Spielraum der US-Notenbank für eine Lockerung verringern.
Allerdings hängt die Wirkung nicht allein von der Zahl neuer Arbeitsplätze ab. Auch die Entwicklung der Löhne, mögliche Revisionen früherer Daten und die Einschätzung der Inflationsrisiken spielen eine Rolle.
Neue Inflationsdaten in der kommenden Woche könnten die Erwartungen ebenfalls verändern.