Edelmetalle

934 Silbermünzen im Acker – was der Römer-Schatz wirklich wert ist

Ein Legionär hätte sechs Jahre dafür sparen müssen: Bei Köln wurde Deutschlands größter Münzhort aus der Zeit Kaiser Hadrians entdeckt

7 Min.

23.09.2026

Er piepte weiter. Auch nachdem Oliver Riedl bereits 15 Silbermünzen aus einem Acker bei Wesseling südlich von Köln geholt hatte, meldete sein Metalldetektor weitere Funde. Riedl brach die Suche ab und rief die Archäologen. Was anschließend aus dem Boden kam, war kein verlorener Geldbeutel, sondern ein Vermögen: 934 römische Silberdenare, verborgen vor fast 1.900 Jahren.

934 Münzen und 3,1 Kilogramm Silber

Der Fund gilt nach Angaben des LVR-Amts für Bodendenkmalpflege als größter bislang in Deutschland entdeckter Münzhort aus der Zeit Kaiser Hadrians, der von 117 bis 138 nach Christus regierte. Weltweit zählt er nach Angaben des Landesarchäologen Erich Claßen zu den fünf größten bekannten Hortfunden dieser Epoche.

Zusammen wiegen die 934 Denare 3,1 Kilogramm. Die jüngste Münze wurde 124 oder 125 nach Christus geprägt. Archäologen gehen deshalb davon aus, dass das Geld im zweiten Viertel des zweiten Jahrhunderts vergraben wurde.

Der Schatz selbst dürfte allerdings schon wesentlich früher angesammelt worden sein. Der überwiegende Teil der Münzen stammt aus der Zeit der flavischen Kaiser zwischen 69 und 96 nach Christus.

Und eine Münze ist sehr viel älter.

Sie wurde bereits 148 vor Christus geprägt – zu einer Zeit, als Rom noch Republik war. Als der unbekannte Besitzer sie gemeinsam mit den anderen Denaren im Rheinland vergrub, war sie bereits mehr als 270 Jahre alt und trotzdem weiterhin gültiges Geld.

Was heute wie ein ungewöhnliches Sammlerstück wirkt, war damals offenbar schlicht noch Bestandteil des Geldumlaufs.

Ein Legionär hätte sechs Jahre sparen müssen

Was 934 Denare im zweiten Jahrhundert tatsächlich wert waren, lässt sich nicht seriös in heutige Euro umrechnen. Preise, Einkommen und Lebensbedingungen waren zu unterschiedlich.

Einen Anhaltspunkt liefert jedoch der Sold römischer Legionäre.

Ein einfacher Legionär erhielt damals nach Angaben des LVR etwa 300 Denare pro Jahr. Rund die Hälfte davon wurde für Lebensmittel und Ausrüstung einbehalten. Von seinem frei verfügbaren Einkommen hätte ein Soldat deshalb ungefähr sechs Jahre lang jeden einzelnen Denar zurücklegen müssen, um die Summe des Wesselinger Schatzes anzusparen.

Für seinen Besitzer war der Inhalt des Topfes also kein Kleingeld.

Wer dieses Vermögen besaß, wissen die Archäologen bislang nicht. Möglich sei, dass die Person auf einem der römischen Landgüter in der Umgebung lebte.

Die Region war damals Teil eines wichtigen römischen Wirtschafts- und Militärraums. Das heutige Köln entwickelte sich aus Colonia Claudia Ara Agrippinensium zu einer der bedeutendsten Städte nördlich der Alpen.

Der Topf war der Tresor

Bei der Bergung fanden die Archäologen nicht nur Münzen.

Im Erdblock lagen auch Überreste eines Keramikgefäßes und Spuren von Stroh. Vermutlich war der Topf damit ausgepolstert worden, bevor die Denare hineingelegt und vergraben wurden. Landwirtschaftliche Nutzung zerstörte das Gefäß später und verteilte die Münzen im Boden. Nach Angaben des LVR gelang es dennoch, den gesamten Hort zu bergen.

Warum jemand ein derart großes Vermögen in die Erde legte, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Die naheliegendste Erklärung ist zugleich erstaunlich modern: Sicherheit.

Banken im heutigen Sinne gab es nicht. Bargeld und Edelmetalle mussten deshalb physisch geschützt werden. Wer keine Truhe hinter starken Mauern besaß oder seinem Umfeld nicht vertraute, konnte sein Vermögen verstecken.

Der Boden wurde zum Tresor. Dass der Besitzer niemals zurückkehrte, macht den Fund erst möglich. Landesarchäologe Claßen hält es beispielsweise für denkbar, dass er oder sie starb, bevor das Wissen über das Versteck weitergegeben werden konnte.

3,1 Kilogramm Silber sind heute noch kein Millionenschatz

Silber besitzt auch heute einen klar bestimmbaren Rohstoffwert. Am 23. September 2026 kostet ein Kilogramm Feinsilber am Spotmarkt rund 1.872 Euro. Würden die gesamten 3,1 Kilogramm des Fundes aus reinem Silber bestehen, entspräche das rechnerisch knapp 5.800 Euro. Tatsächlich bestanden römische Denare aus Silberlegierungen unterschiedlicher Zusammensetzung, sodass dies nur eine theoretische Obergrenze für den reinen Metallwert des Gesamtgewichts ist.

Als bloßer Silberklumpen wäre der Wesselinger Schatz also bemerkenswert, aber keineswegs spektakulär wertvoll.

Als 1.900 Jahre altes geschlossenes Münzensemble sieht das vollkommen anders aus. Bei antiken Münzen bestimmen Seltenheit, Erhaltungszustand, Prägezeit, Motiv, historische Bedeutung und vor allem die gesicherte Herkunft den numismatischen Wert. Bei einem wissenschaftlich dokumentierten Hort kommt zusätzlich der Zusammenhang zwischen den einzelnen Münzen hinzu.

Sein wichtigster Wert liegt nicht im Metall.

Eine einzelne Münze erzählt 270 Jahre Geldgeschichte

Wie viel Information in einem solchen Hort steckt, zeigt ausgerechnet die älteste Münze.

Dass ein Denar aus dem Jahr 148 vor Christus mehr als zweieinhalb Jahrhunderte später noch verwendet wurde, sagt etwas über die Lebensdauer antiken Geldes aus. Münzen wurden nicht automatisch aus dem Verkehr gezogen, nur weil ein neuer Herrscher an die Macht kam.

Der Hort enthält damit nicht nur Geld aus der Regierungszeit Hadrians, sondern Münzen aus mehreren Generationen römischer Geschichte.

Der Großteil wurde unter den flavischen Kaisern geprägt. Einzelne Stücke zeigen etwa Kaiser Domitian. Andere sind wesentlich älter. Zusammen ermöglichen sie Forschern Rückschlüsse darauf, wie Geld zirkulierte, wie lange Münzen verwendet und möglicherweise über Jahrzehnte angespart wurden.

Ein Schatzfund ist für Archäologen deshalb vor allem dann wertvoll, wenn sein Zusammenhang erhalten bleibt. 934 einzeln auf dem Antiquitätenmarkt auftauchende Münzen würden weit weniger darüber erzählen, wer sie wann gemeinsam verborgen haben könnte.

Der Finder darf seinen Schatz nicht behalten

Für Oliver Riedl dürfte der Fund trotzdem ein besonderer Moment gewesen sein. Finanziell macht ihn die Entdeckung allerdings nicht zum Schatzbesitzer.

In Nordrhein-Westfalen gilt das sogenannte Schatzregal. Bewegliche Bodendenkmäler, die herrenlos sind oder so lange verborgen waren, dass ihr Eigentümer nicht mehr festgestellt werden kann, gehen mit ihrer Entdeckung in das Eigentum des Landes über. Der Wesselinger Münzschatz gehört deshalb nun Nordrhein-Westfalen.

Riedl erhält jedoch eine Belohnung. Das Denkmalschutzgesetz sieht für Finder, die ihrer Melde- und Ablieferungspflicht nachkommen, grundsätzlich eine angemessene Geldprämie vor. Die Höhe wird im Einzelfall entschieden.

Dass Riedl überhaupt legal mit einem Metalldetektor unterwegs war, ist dabei wichtig. Wer in Nordrhein-Westfalen gezielt mit einer Sonde nach archäologischen Funden sucht, benötigt eine Genehmigung der Denkmalbehörden, die Zustimmung des Grundstückseigentümers und eine entsprechende Schulung. Riedl verständigte das LVR-Amt, als ihm die Dimension des Fundes klar wurde, und ermöglichte dadurch die professionelle Bergung. Der LVR bezeichnet sein Verhalten ausdrücklich als vorbildlich.

Der Schatz wurde zunächst als kompletter Erdblock geborgen und im LVR-Landesmuseum Bonn geröntgt, bevor die Restauratoren die Münzen freilegten.

Was einen Schatz zum Schatz macht

Der Fund bei Wesseling zeigt damit ziemlich schön, wie unterschiedlich der Wert eines Sachwertes sein kann. Da ist zunächst der Stoff: 3,1 Kilogramm silberhaltiges Metall.

Dann gibt es den damaligen Geldwert: eine Summe, für die ein einfacher römischer Soldat rechnerisch rund sechs Jahre sein gesamtes verfügbares Einkommen hätte sparen müssen.

Hinzu kommt der mögliche Sammlerwert jeder einzelnen Münze.

Und schließlich gibt es einen Wert, der sich überhaupt nicht sinnvoll in Euro ausdrücken lässt: 934 Münzen lagen fast zwei Jahrtausende gemeinsam an derselben Stelle und bewahrten dadurch Informationen, die einzelne Stücke niemals liefern könnten.

Der unbekannte Römer, der sie in einem mit Stroh ausgepolsterten Topf versteckte, wollte vermutlich vor allem eines: sein Vermögen erhalten.

Das gelang erstaunlich gut.

Nur zurückbekommen hat er es nie.

Stefanie S. Klief

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