Edelmetalle

Was hält Gold über 4.000 Dollar?

Zentralbanken verändern einen Markt, der früher stärker von Zinsen und Dollar abhing

9 Min.

06.10.2026

Gold zahlt keine Zinsen. Daher galt über Jahrzehnte eine ziemlich verlässliche Faustregel: Steigen die Renditen sicherer Staatsanleihen, wird das Edelmetall unattraktiver. Wird gleichzeitig der Dollar stärker, wächst der Gegenwind zusätzlich. Im Herbst 2026 müsste Gold nach dieser Logik erheblich unter Druck stehen. Die US-Notenbank hat gerade die Zinsen erhöht, zehnjährige US-Staatsanleihen werfen so viel ab wie seit 2002 nicht mehr – und trotzdem hält sich die Feinunze oberhalb von 4.000 Dollar. Die Erklärung liegt weniger in einer außer Kraft gesetzten Ökonomie als in einer veränderten Nachfrage.

Die Fed liefert eigentlich Gegenwind

Am 16. September erhöhte die Federal Reserve den Leitzins um 0,25 Prozentpunkte auf eine Spanne von 3,75 bis vier Prozent. Es war die erste Zinserhöhung seit mehr als drei Jahren.

Gleichzeitig stiegen die Renditen amerikanischer Staatsanleihen kräftig. Zehnjährige Treasuries erreichten Anfang Oktober zeitweise rund 5,3 Prozent und damit den höchsten Stand seit 2002.

Für Gold ist das normalerweise eine ungünstige Kombination.

Eine Anleihe zahlt laufende Zinsen. Gold nicht. Je höher die reale Rendite sicherer Wertpapiere steigt, desto größer werden deshalb die Opportunitätskosten, Gold zu halten.

Hinzu kommt der Dollar. Gold wird international überwiegend in US-Dollar gehandelt. Steigt die amerikanische Währung, verteuert sich das Edelmetall für Käufer außerhalb des Dollarraums.

Beide Kräfte wirken derzeit gegen Gold. Der Preis reagiert auch darauf – nur erstaunlich wenig.

Über 4.000 Dollar trotz des Gegenwinds

Am 6. Oktober notierte Gold bei rund 4.130 Dollar je Feinunze.

Das ist kein neuer Höhenrekord. Im Januar hatte der Preis zeitweise mehr als 5.300 Dollar erreicht. Gegenüber diesem Hoch hat Gold damit mehr als ein Fünftel verloren. Auch seit Jahresbeginn steht ein Minus.

Wer aus dem Niveau oberhalb von 4.000 Dollar ableitet, Gold könne inzwischen grundsätzlich nicht mehr fallen, verwechselt Widerstandsfähigkeit mit Unverwundbarkeit. Gemessen am Ausmaß des Zinsanstiegs und an der Stärke des Dollars hätte die Korrektur nach historischen Zusammenhängen allerdings deutlich stärker ausfallen können.

Die alte Gleichung bekommt einen neuen Faktor

Eine Ursache liegt auf der Käuferseite. Über viele Jahre bestimmten westliche Finanzinvestoren einen erheblichen Teil der kurzfristigen Goldbewegungen. Steigende Realzinsen führten häufig dazu, dass Kapital aus Goldfonds abgezogen und in verzinsliche Anlagen umgeschichtet wurde.

Dieser Mechanismus funktioniert weiterhin.

Im zweiten Quartal 2026 verloren physisch hinterlegte Gold-ETFs weltweit rund 45 Tonnen. Besonders stark waren die Abflüsse in Nordamerika. Der World Gold Council nennt höhere Zinserwartungen, steigende Realrenditen und einen stärkeren Dollar ausdrücklich als Ursachen.

Das Lehrbuch ist also keineswegs verschwunden. Doch gleichzeitig tritt eine Käufergruppe wesentlich stärker auf als früher: Zentralbanken.

289 Tonnen in nur drei Monaten

Im zweiten Quartal kauften Zentralbanken und andere offizielle Institutionen netto rund 289 Tonnen Gold. Das waren 62 Prozent mehr als im gleichen Quartal des Vorjahres und der höchste jemals verzeichnete Wert für ein zweites Quartal.

Besonders aktiv waren unter anderem Polen und China. Das erste Halbjahr insgesamt war wegen außergewöhnlich niedriger Käufe und einzelner Verkäufe im ersten Quartal zwar schwächer als in den vergangenen Jahren. Der längerfristige Trend bleibt jedoch auffällig.

In den vergangenen vier Jahren kauften Zentralbanken im Durchschnitt etwa 1.000 Tonnen Gold jährlich. Im Jahrzehnt davor waren es ungefähr 500 Tonnen. Die Nachfrage dieser Käufergruppe hat sich damit strukturell auf ein anderes Niveau verschoben.

Zentralbanken rechnen anders als Fondsmanager

Ein Fondsmanager kann fragen, ob eine US-Staatsanleihe mit fünf Prozent Rendite momentan attraktiver ist als Gold. Eine Zentralbank verfolgt andere Ziele.

Sie hält Reserven, um eine Währung abzusichern, internationale Zahlungen gewährleisten zu können und in Krisen über Vermögenswerte zu verfügen, die nicht ausschließlich vom Finanzsystem eines anderen Staates abhängen.

Gold besitzt dafür besondere Eigenschaften. Es ist kein Zahlungsversprechen eines Unternehmens. Es ist auch keine Forderung gegen einen Staat. Physisch im eigenen Land gelagertes Gold kann nicht durch die Zahlungsunfähigkeit eines Emittenten wertlos werden. Und es lässt sich nicht auf dieselbe Weise einfrieren wie ein Bankkonto oder ein Wertpapierdepot im Ausland.

Seit 2022 hat genau dieser Punkt erheblich an Bedeutung gewonnen.

Russlands Reserven veränderten die Wahrnehmung

Nach dem Angriff auf die Ukraine froren westliche Staaten einen großen Teil der im Ausland gehaltenen russischen Währungsreserven ein. Die Maßnahme traf Russland – wurde aber gleichzeitig von anderen Staaten genau beobachtet.

Für Zentralbanken insbesondere außerhalb des westlichen Bündnissystems machte sie sichtbar, dass Devisenreserven nicht nur ein finanzielles, sondern unter Umständen auch ein geopolitisches Risiko tragen.

Analysten sehen darin einen wichtigen Faktor für die seitdem beschleunigte Diversifizierung von Reserven. Das bedeutet nicht, dass Zentralbanken massenhaft den Dollar aufgeben.

US-Staatsanleihen bleiben einer der tiefsten und liquidesten Finanzmärkte der Welt und der Dollar die wichtigste globale Reservewährung. Doch ein wachsender Goldbestand reduziert die Abhängigkeit von genau diesem System.

Gold wird damit nicht nur als Inflationsschutz gekauft. Es wird teilweise als Versicherung gegen geopolitische und finanzielle Risiken gehalten.

Die Zentralbanken wollen offenbar weitermachen

Eine Umfrage des World Gold Council unter Reserveverwaltern unterstreicht diesen Trend. In der im Juni veröffentlichten jährlichen Zentralbankumfrage erklärten 45 Prozent der Befragten, ihre Goldbestände innerhalb der kommenden zwölf Monate erhöhen zu wollen.

89 Prozent der befragten Zentralbanken erwarten, dass die globalen offiziellen Goldreserven innerhalb der kommenden zwölf Monate weiter steigen.

Solche Absichtserklärungen garantieren keine späteren Käufe.

Auch ist der World Gold Council ist kein neutraler Beobachter. Er vertritt die Interessen der Goldindustrie und hat naturgemäß ein Interesse daran, die strategische Bedeutung des Edelmetalls hervorzuheben.

Doch argumentieren Zentralbankvertreter derzeit ähnlich. Auf der Jahrestagung der London Bullion Market Association Anfang Oktober sprachen unter anderem Vertreter der italienischen Notenbank und Bundesbankpräsident Joachim Nagel über Golds weiterhin bedeutende Rolle als Reservevermögen.

Dabei wurde ausdrücklich auf geopolitische Unsicherheit und steigende Staatsschulden verwiesen.

Hohe Anleiherenditen können plötzlich selbst ein Warnsignal sein

Hier entsteht ein scheinbarer Widerspruch. Normalerweise sind steigende Staatsanleiherenditen schlecht für Gold. Doch entscheidend ist, warum die Renditen steigen.

Steigen sie, weil die Wirtschaft robust ist und Anleger attraktive reale Erträge erhalten, spricht das klar gegen das zinslose Edelmetall.

Steigen sie dagegen auch deshalb, weil Anleger höhere Inflations- oder Risikoprämien verlangen und die Tragfähigkeit staatlicher Schulden stärker hinterfragen, verändert sich die Wirkung.

Dann wird dieselbe hohe Rendite teilweise zum Symptom jener Unsicherheit, gegen die Anleger Gold halten.

Die Vereinigten Staaten, Frankreich, Großbritannien und andere Industrieländer kämpfen derzeit mit hohen Haushaltsdefiziten und wachsenden Schuldenständen. Gleichzeitig erfordern Verteidigung, Energieinfrastruktur und der KI-Boom enorme Investitionen.

Der Anleihemarkt muss immer größere Mengen staatlicher und privater Finanzierung aufnehmen. Damit wird der Zusammenhang zwischen hohen Renditen und Gold weniger eindeutig.

Gold ist deshalb nicht plötzlich von Zinsen entkoppelt

Die neuen Käufer haben die Goldpreisbildung verändert. Sie haben die klassischen Einflussfaktoren aber nicht abgeschafft.

Das zeigte bereits das zweite Quartal.

Als Dollar und Renditen stiegen, verkauften westliche ETF-Investoren Gold. Auch die kräftige Korrektur vom Rekordhoch zu Jahresbeginn beweist, dass das Edelmetall weiterhin empfindlich auf Marktstimmung, Zinsen und Kapitalflüsse reagieren kann.

Und Zentralbanken kaufen nicht um jeden Preis.

Im ersten Halbjahr 2026 lag ihre gesamte Nettokaufmenge mit rund 345 Tonnen sogar so niedrig wie seit 2022 nicht mehr, weil das erste Quartal von deutlich geringerer Nachfrage und einzelnen Verkäufen geprägt war.

Der Goldmarkt hat also keine Einbahnstraße bekommen. Er besitzt lediglich einen stärkeren strukturellen Käufer als früher.

Ein Sachwert mit einem neuen Preissockel?

Wenn Zentralbanken dauerhaft mehrere Hundert Tonnen Gold pro Jahr zusätzlich in ihre Reserven aufnehmen, konkurrieren sie mit Schmuckkäufern, privaten Anlegern und Fonds um ein Angebot, das sich nur langsam ausweiten lässt.

Die weltweite Minenproduktion stieg im zweiten Quartal trotz der außergewöhnlich hohen Preise lediglich um etwa zwei Prozent.

Gold lässt sich eben nicht beliebig produzieren, nur weil der Preis steigt. Neue Minen brauchen Jahre von der Exploration über Genehmigungen bis zur Förderung. Auch Recycling reagiert auf hohe Preise, kann die Angebotsseite aber nicht unbegrenzt erweitern.

Damit kann eine dauerhaft höhere strategische Nachfrage tatsächlich dazu führen, dass Gold bei gleichen Zinsbedingungen künftig auf einem höheren Preisniveau gehandelt wird als früher. Ob die Marke von 4.000 Dollar dieser neue Boden ist, lässt sich daraus allerdings nicht ableiten.

Die Lehrbücher sind nicht falsch – die Welt um sie herum hat sich verändert

Gold bleibt ein Vermögenswert ohne laufenden Ertrag.

Hohe reale Zinsen bleiben deshalb Gegenwind. Ein starker Dollar bleibt Gegenwind. Und wenn geopolitische Risiken sinken oder Zentralbanken ihre Käufe reduzieren, kann auch Gold deutlich an Wert verlieren.

Was sich verändert hat, ist die Gewichtung dieser Faktoren.

Seit einigen Jahren tritt neben die klassische Nachfrage von Schmuckkäufern und Finanzinvestoren eine strategisch motivierte Zentralbanknachfrage in bislang ungewöhnlicher Größenordnung.

Für diese Käufer ist nicht entscheidend, ob eine US-Anleihe kurzfristig ein Prozent mehr Rendite bietet. Sie kaufen einen Vermögenswert, der außerhalb des Schuldversprechens eines anderen Staates existiert.

Damit erklärt sich auch das vermeintliche Rätsel des Goldpreises. Gold hat die ökonomischen Regeln nicht abgeschafft. Es wird inzwischen nur nach mehr Regeln gleichzeitig bewertet.

Stefanie S. Klief

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