Öl wird teurer, die Inflation steigt – und die Notenbanken erhöhen die Zinsen. Diese Kette klingt vertraut. Doch der aktuelle Energieschock unterscheidet sich in einem entscheidenden Punkt von einer klassischen Überhitzung der Wirtschaft: Sein Ursprung liegt nicht in zu viel Nachfrage, sondern in geopolitisch gestörten Lieferwegen und einem knapperen Energieangebot. Für Sachwerte entsteht dadurch eine widersprüchliche Lage. Einige profitieren von Inflation und Knappheit, andere geraten gerade durch die geldpolitische Reaktion unter Druck.
Die EZB reagiert auf einen geopolitischen Preisschock
Am 10. September hat die Europäische Zentralbank ihre drei Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte erhöht. Der Einlagensatz stieg damit auf 2,5 Prozent. Zur Begründung verwies der EZB-Rat ausdrücklich auf den Konflikt im Nahen Osten und den dadurch anhaltenden Inflationsdruck. Die Teuerung dürfte länger über dem mittelfristigen Ziel von zwei Prozent liegen.
Parallel hat sich die Lage am Ölmarkt erneut verschärft. Brent-Rohöl stieg zu Wochenbeginn auf mehr als 107 Dollar je Barrel, nachdem neue Angriffe auf saudische Energieinfrastruktur und Störungen rund um die Straße von Hormus die Sorge vor Angebotsausfällen verstärkt hatten. Allein in der Vorwoche waren die Preise um mehr als acht Prozent gestiegen.
Damit ist ein Mechanismus zurück, der Europa bereits 2022 beschäftigt hat: Energie verteuert Produktion, Transport und Konsum. Unternehmen müssen höhere Kosten entweder selbst tragen oder zumindest teilweise an Kunden weitergeben. Haushalte geben mehr für Kraftstoffe, Wärme oder Strom aus und haben entsprechend weniger Spielraum für andere Ausgaben.
Die Notenbank kann die Ursache dieses Preisschocks jedoch nicht beseitigen. Höhere Leitzinsen fördern kein zusätzliches Öl und öffnen keine blockierte Handelsroute. Geldpolitik setzt an einer anderen Stelle an: Sie soll verhindern, dass sich der ursprüngliche Energieschock dauerhaft in Löhnen, Inflationserwartungen und weiteren Preisen festsetzt.
Am Montag deutete EZB-Ratsmitglied Martins Kazaks bereits an, dass weitere Zinsschritte notwendig werden könnten. Der Einlagensatz von 2,5 Prozent müsse nicht das Ende der Straffung sein. Entscheidend sei, Energiepreissteigerungen einzudämmen, bevor sie stärker auf andere Preise und Löhne übergriffen.
Der Ölpreis wirkt inzwischen direkt auf die Kapitalmärkte
Die Verbindung zwischen Energie und Zinsen ist derzeit nicht nur in Europa sichtbar.
Auch in den USA haben steigende Ölpreise und überraschend hohe Inflationsdaten die Erwartungen an die Federal Reserve gedreht. Goldman Sachs und J.P. Morgan rechnen inzwischen mit einer Zinserhöhung bei der Fed-Sitzung Mitte September. Am Markt wurde die Wahrscheinlichkeit eines Zinsschritts zuletzt mit deutlich mehr als 80 Prozent bewertet. Noch wenige Tage zuvor war die Einschätzung wesentlich zurückhaltender gewesen.
Gleichzeitig sind die Renditen langlaufender Staatsanleihen deutlich gestiegen. Die Rendite zehnjähriger US-Treasuries näherte sich fünf Prozent, während auch deutsche Bundesanleihen unter Verkaufsdruck standen.
Damit verändert sich die Rechnung für Sachwerte. Inflation allein macht einen Vermögenswert noch nicht attraktiv. Entscheidend ist, ob er zugleich mit höheren Finanzierungskosten zurechtkommt.
Immobilien spüren hohe Zinsen besonders schnell
Immobilien gelten klassischerweise als Sachwerte, weil Grund und Boden knapp sind und Mieten beziehungsweise Gebäudewerte langfristig zumindest teilweise mit dem allgemeinen Preisniveau steigen können.
Kurzfristig kann dieselbe Inflation jedoch genau das Gegenteil bewirken.
Wenn Zentralbanken die Zinsen erhöhen, verteuern sich Immobilienkredite. Für Käufer sinkt der finanzierbare Kaufpreis, Projektentwickler müssen höhere Kapitalkosten einkalkulieren und Investoren verlangen höhere Renditen. Besonders empfindlich sind Projekte mit hohem Fremdkapitalanteil oder langen Entwicklungszeiten.
Der entscheidende Unterschied liegt deshalb zwischen dem Sachwert selbst und seiner Finanzierung. Ein vollständig bezahltes Grundstück reagiert anders auf steigende Zinsen als ein Immobilienprojekt, dessen Wirtschaftlichkeit auf günstigen Krediten basiert.
Dasselbe gilt für Infrastruktur. Straßen, Netze, Energieanlagen oder Rechenzentren besitzen häufig langfristige reale Nutzwerte. Ihre Errichtung ist jedoch kapitalintensiv. Steigende Finanzierungskosten können Projekte verteuern oder ihre Realisierung verzögern.
Ein Inflationsschock kann den langfristigen Wert realer Infrastruktur daher erhöhen und gleichzeitig ihre kurzfristige Finanzierung erschweren.
Gold steckt zwischen Inflation und Zinsen
Noch widersprüchlicher ist die Situation bei Gold.
Das Edelmetall gilt als klassischer Schutz vor Kaufkraftverlust und geopolitischer Unsicherheit. Ein Krieg im Nahen Osten und steigende Energiepreise sprechen grundsätzlich für diese Funktion.
Doch Gold zahlt weder Zinsen noch Dividenden.
Steigen die Renditen sicherer Anleihen, wachsen deshalb die Opportunitätskosten des Goldbesitzes. Genau dieser Mechanismus war zuletzt sichtbar: Gold geriet zeitweise unter Druck, als höhere Ölpreise die Erwartungen weiterer Fed-Zinserhöhungen verstärkten.
Am Freitag erholte sich der Goldpreis zwar wieder auf rund 4.360 Dollar je Feinunze. Auf Wochensicht blieb dennoch ein Minus. Der Markt verarbeitet damit zwei gegensätzliche Signale gleichzeitig: geopolitische Unsicherheit und Inflationsrisiken stützen Gold, steigende Real- und Nominalrenditen konkurrierender Anlagen belasten es.
Ein Sachwert verhält sich damit nicht automatisch wie ein Inflationsschutz zu jedem Zeitpunkt.
Rohstoffe sitzen näher an der Ursache
Bei Rohstoffen ist die Situation anders.
Öl ist im aktuellen Szenario nicht lediglich ein Vermögenswert, der auf Inflation reagiert. Es ist einer ihrer Auslöser.
Fällt Angebot aus oder steigt das geopolitische Risiko, kann der Preis unmittelbar steigen. Unternehmen aus der Energiebranche profitieren zumindest teilweise davon, sofern sie selbst produzieren und nicht gleichzeitig überproportional unter höheren Kosten oder politischen Eingriffen leiden.
Andere Rohstoffe reagieren differenzierter. Industriemetalle hängen stärker an Konjunktur und Investitionen. Eine schwächere Wirtschaft infolge höherer Zinsen kann ihre Nachfrage belasten, selbst wenn gleichzeitig allgemeiner Inflationsdruck besteht.
Damit entsteht innerhalb der Anlageklasse Sachwerte eine stärkere Trennung.
Rohstoffe, Immobilien, Gold und Infrastruktur teilen zwar die Eigenschaft, dass sie nicht bloß nominale Geldforderungen darstellen. Ihre Reaktion auf einen Energieschock ist trotzdem höchst unterschiedlich.
Inflationsschutz ist nicht dasselbe wie Zinsschutz
Für Anleger ist deshalb weniger entscheidend, ob ein Vermögenswert das Etikett »Sachwert« trägt.
Wichtiger sind drei Fragen:
Die aktuellen Märkte liefern dafür ein Lehrstück.
Öl steigt aufgrund geopolitischer Risiken. Die höheren Energiekosten erhöhen den Inflationsdruck. Zentralbanken reagieren mit höheren Zinsen. Dadurch geraten wiederum genau jene realen Vermögenswerte unter Druck, deren Wert langfristig teilweise von Inflation profitieren kann.
Die Wirkung verläuft also nicht linear.
Ein Ölpreisschock kann gleichzeitig Rohstoffe verteuern, Gold als Krisenversicherung interessanter machen und Immobilieninvestitionen erschweren.
Auch deshalb dürfte die Entwicklung am Persischen Golf in den kommenden Wochen nicht nur für Tankstellenpreise entscheidend sein. Sie bestimmt zunehmend darüber mit, welche Sachwerte in einem Umfeld aus hoher Inflation und höheren Zinsen tatsächlich ihre Schutzfunktion erfüllen können.
Stefanie S. Klief