Rohstoffe

Trumps Öl-Paradoxon

Warum ausgesetzte Russland-Sanktionen Diesel nicht automatisch billiger machen

11 Min.

17.10.2026

US-Präsident Donald Trump setzt neue Russland-Sanktionen aus und erleichtert damit den Handel mit russischen Energierohstoffen. 

Donald Trump setzt zentrale neue Russland-Sanktionen aus und öffnet russischen Diesellieferungen wieder den Weg auf internationale Märkte. Damit will der US-Präsident die hohen Energiepreise bekämpfen. Doch die Internationale Energieagentur warnt, dass die weltweite Dieselversorgung noch bis weit ins Jahr 2027 angespannt bleiben könnte. Denn zwischen einem vorhandenen Rohstoff und einem tatsächlich verfügbaren Energieträger liegen Raffinerien, Transportwege und erhebliche wirtschaftliche Risiken.

Trump stoppt neue Sanktionen gegen Russland

Am 16. Oktober 2026 hat US-Präsident Donald Trump per Dekret wesentliche Bestimmungen eines erst vier Wochen zuvor unterzeichneten Sanktionsgesetzes gegen Russland ausgesetzt. Betroffen sind unter anderem zusätzliche Strafzölle auf russische Waren sowie Maßnahmen gegen Staaten, die weiterhin russisches Erdöl und Erdgas beziehen.

Der sogenannte Graham Act sollte den wirtschaftlichen Druck auf Russland wegen seines Angriffskrieges gegen die Ukraine erheblich erhöhen. Vorgesehen waren unter anderem Strafzölle von 500 Prozent auf Waren aus Russland und zusätzliche Zölle von 100 Prozent auf Einfuhren aus wichtigen Abnehmerländern russischer Energierohstoffe.

Zu diesen Ländern gehören insbesondere China und Indien, die weiterhin große Mengen russischen Öls beziehen.

Trump begründete die Aussetzung mit nationalen Interessen der Vereinigten Staaten. Das Gesetz erlaubt dem Präsidenten ausdrücklich, die vorgesehenen Maßnahmen unter bestimmten Voraussetzungen auszusetzen und den Kongress darüber zu unterrichten.

Die Entscheidung bedeutet allerdings nicht, dass sämtliche amerikanischen Russland-Sanktionen aufgehoben wurden. Bereits bestehende Maßnahmen bleiben grundsätzlich in Kraft, soweit sie nicht durch gesonderte Ausnahmen verändert werden.

Vor allem im Energiebereich hatte Washington jedoch wenige Tage zuvor bereits eine weitreichende Sonderregelung geschaffen.

Russischer Diesel soll die Preise senken

Am 9. Oktober erteilte das amerikanische Finanzministerium eine allgemeine Genehmigung für bestimmte Geschäfte mit Dieselkraftstoff russischen Ursprungs. Die Regelung erlaubt bis zum 7. April 2027 unter anderem den Verkauf, die Lieferung und die Einfuhr entsprechenden Diesels, soweit die genannten amerikanischen Sanktionsvorschriften betroffen sind.

Damit reagiert Washington auf die stark gestiegenen Kraftstoffpreise. Besonders Diesel hat sich in den vergangenen Monaten erheblich verteuert. Davon betroffen sind Transportunternehmen, Landwirtschaft, Industrie und zahlreiche weitere Wirtschaftsbereiche.

Trump kündigte nach Gesprächen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin an, Russland werde zunächst mehr als 300.000 Tonnen Diesel für den amerikanischen und internationalen Markt bereitstellen. Im November sollen weitere 500.000 Tonnen folgen, anschließend nochmals eine Million Tonnen.

Auf den ersten Blick könnte eine zusätzliche Liefermenge die angespannte Versorgungslage verbessern.

Doch die Größenordnung relativiert diesen Eindruck erheblich.

Die zunächst angekündigten 300.000 Tonnen entsprechen ungefähr 2,25 Millionen Barrel. Allein der amerikanische Verkehrssektor verbraucht nach Daten der US-Energiebehörde EIA täglich rund 2,94 Millionen Barrel Diesel.

Die erste russische Liefermenge würde damit rechnerisch nicht einmal ausreichen, um den amerikanischen Verkehrsbedarf eines einzigen Tages zu decken.

Hinzu kommt, dass angekündigte Lieferungen noch keine tatsächlich eingetroffenen Mengen sind. Für deren wirtschaftliche Wirkung müssen ausreichend Produkte vorhanden sein, geeignete Tanker bereitstehen und die Lieferungen ihre Abnehmer erreichen.

Warum Rohöl noch kein Diesel ist

Der entscheidende Engpass der gegenwärtigen Energiekrise liegt nicht ausschließlich bei den vorhandenen Erdölvorkommen oder der Rohölförderung.

Diesel entsteht erst durch die Verarbeitung von Rohöl in Raffinerien. Dabei wird der Rohstoff in unterschiedliche Produkte aufgeteilt und durch weitere technische Verfahren verarbeitet. Neben Diesel entstehen unter anderem Benzin, Kerosin und weitere Mineralölprodukte.

Welche Mengen sich gewinnen lassen, hängt sowohl von der Zusammensetzung des Rohöls als auch von der technischen Ausstattung der Raffinerie ab.

Ein Land kann deshalb über erhebliche Erdölreserven verfügen und trotzdem Probleme bei der Versorgung mit bestimmten Kraftstoffen haben. Diese Situation zeigt sich derzeit in Russland.

Ukrainische Drohnenangriffe haben in den vergangenen Monaten wiederholt russische Raffinerien getroffen und deren Produktionskapazitäten beeinträchtigt. Russland hatte deshalb zeitweise selbst die Ausfuhr von Diesel beschränkt, um den heimischen Markt ausreichend versorgen zu können.

Die russische Regierung hat inzwischen Exportbeschränkungen teilweise gelockert. Doch damit stehen nicht automatisch zusätzliche Kraftstoffmengen zur Verfügung.

Die Internationale Energieagentur weist in ihrem Ölmarktbericht vom 14. Oktober ausdrücklich darauf hin, dass die Lockerung russischer Ausfuhrbeschränkungen die globale Dieselversorgung voraussichtlich kaum wesentlich verbessern werde.

Der Grund sei die eingeschränkte Betriebsfähigkeit russischer Raffinerien. Eine politische Entscheidung kann Handelswege öffnen. Sie kann aber weder beschädigte Anlagen unmittelbar reparieren noch fehlende Verarbeitungskapazitäten ersetzen.

Der weltweite Dieselmarkt verliert erhebliche Mengen

Die Probleme Russlands treffen auf eine ohnehin außergewöhnlich angespannte internationale Versorgungslage. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur lagen die weltweiten Exporte von Diesel und Gasöl im September 2026 rund 700.000 Barrel pro Tag unter dem Niveau des Vorjahresmonats.

Besonders stark war der Rückgang bei Lieferungen aus Russland und dem Nahen Osten. Die Nettoexporte dieser Regionen sanken zusammen um etwa 1,3 Millionen Barrel täglich. Höhere Lieferungen aus anderen Ländern, vor allem den Vereinigten Staaten und China, konnten den Ausfall nur teilweise ausgleichen.

Eine wesentliche Ursache sind die militärischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten. Sie haben Raffinerien, Transportwege und die Versorgung asiatischer Abnehmer erheblich beeinträchtigt.

Im September erreichten die internationalen Dieselpreise zeitweise Rekordwerte. In Europa und den Vereinigten Staaten wurden auf Großhandelsebene Preise um 220 Dollar je Barrel verzeichnet.

Ein Barrel entspricht rund 159 Litern.

Dabei darf dieser Großhandelspreis nicht mit dem Tankstellenpreis gleichgesetzt werden. Letzterer enthält zusätzlich unter anderem Steuern, Vertriebskosten und weitere Preisbestandteile. Dabei wurde Diesel zeitweise nahezu doppelt so teuer gehandelt wie Rohöl und deutlich über seinem Vorkrisenniveau lag. Dieser Unterschied macht sichtbar, dass nicht nur der Rohstoff selbst knapp ist, sondern vor allem seine Weiterverarbeitung und Verfügbarkeit am richtigen Ort.

Warum der Ölpreis nicht den Dieselpreis bestimmt

Rohöl und Diesel werden zwar auf miteinander verbundenen Märkten gehandelt, ihre Preise entwickeln sich aber nicht zwangsläufig im gleichen Verhältnis.

Rohöl ist ein Ausgangsstoff. Diesel ist ein verarbeitetes Produkt, dessen Herstellung spezielle industrielle Anlagen benötigt. Für Raffinerien ist deshalb nicht allein der Einkaufspreis des Rohöls entscheidend, sondern auch der erzielbare Verkaufspreis der daraus gewonnenen Produkte. Die Differenz zwischen Rohölkosten und dem Wert der hergestellten Mineralölprodukte wird im Markt häufig anhand sogenannter Crack Spreads beschrieben.

Ein hoher Dieselpreis kann die Verarbeitung besonders attraktiv machen. Das gilt allerdings nur, wenn eine Raffinerie das benötigte Rohöl zu wirtschaftlich tragbaren Kosten beschaffen und die produzierten Kraftstoffe anschließend verkaufen kann.

Die gegenwärtige Krise zeigt, wie unterschiedlich diese Rechnung ausfallen kann.

Während amerikanische Raffinerien teilweise von vergleichsweise günstig verfügbaren Rohölsorten und hohen Kraftstoffpreisen profitieren, belasten teure Rohölimporte und stark gestiegene Transportkosten zahlreiche Raffinerien in Europa und Asien. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur können sinkende Raffineriemargen sogar dazu führen, dass einzelne Betriebe ihre Produktion aus wirtschaftlichen Gründen reduzieren. Das würde die Versorgung mit Diesel weiter einschränken, obwohl weiterhin Rohöl auf dem Markt vorhanden ist.

Teure Tanker verändern die Rohstoffrechnung

Auch der Transport hat sich zu einem zentralen Kostenfaktor entwickelt.

Erdöl wird über Pipelines und auf Tankschiffen zwischen Förderregionen, Raffinerien und Verbrauchermärkten transportiert. Verändern militärische Konflikte die verfügbaren Schifffahrtswege oder steigen Versicherungsprämien und Frachtraten, kann ein an sich günstiger Rohstoff am Zielort erheblich teurer werden.

Die Internationale Energieagentur berichtet für den Herbst 2026 von außergewöhnlich hohen Tankerfrachtraten. Diese Entwicklung trifft verschiedene Regionen unterschiedlich.

In Nord- und Südamerika können bestimmte schwere Rohölsorten trotz hoher internationaler Energiepreise unter Preisdruck geraten, wenn sie wegen teurer Transporte oder fehlender Raffineriekapazitäten nicht ausreichend abgesetzt werden können. Gleichzeitig suchen Raffinerien in Europa und Asien nach geeigneten Rohöllieferungen und müssen dafür teilweise erhebliche Transportaufschläge zahlen.

Der wirtschaftliche Wert einer Rohöllagerstätte hängt somit nicht allein von der geförderten Menge ab. Entscheidend ist auch, ob das Öl transportiert, verarbeitet und zu einem auskömmlichen Preis verkauft werden kann.

Der Unterschied zwischen physischer Verfügbarkeit und wirtschaftlicher Nutzbarkeit wird in solchen Krisen besonders deutlich.

Europa bleibt von amerikanischen Entscheidungen unabhängig gebunden

Die amerikanische Lockerung bedeutet nicht, dass russische Mineralölprodukte nun wieder uneingeschränkt auf den europäischen Markt gelangen dürfen.

Die Europäische Union hat bereits seit 2022 beziehungsweise 2023 weitreichende Einfuhrbeschränkungen für russisches Rohöl und russische Erdölerzeugnisse eingeführt. Hinzu kommen Preisobergrenzen und Beschränkungen für Transport-, Versicherungs- und Finanzdienstleistungen.

Auch später wurden die europäischen Maßnahmen ausgeweitet, unter anderem auf bestimmte Mineralölprodukte aus Drittländern, die unter Verwendung russischen Rohöls hergestellt wurden.

Die amerikanische Entscheidung verändert diese europäischen Vorschriften nicht. Für europäische Abnehmer kann eine Lockerung der US-Sanktionen dennoch indirekte Auswirkungen haben. Wenn russische Produkte zusätzliche Käufer in anderen Weltregionen erreichen, könnten dort andere Liefermengen frei werden.

Solche Verschiebungen sind allerdings weder automatisch noch unmittelbar zu erwarten. Tankerkapazitäten, Produktqualitäten, bestehende Lieferverträge und nationale Handelsbeschränkungen beeinflussen die tatsächlichen Warenströme.

Die europäische Versorgungssicherheit hängt deshalb weiterhin davon ab, wie zuverlässig internationale Raffinerien und Transportketten funktionieren.

Hohe Preise machen Förderanlagen nicht automatisch wertvoller

Aus Sicht von Rohstoffunternehmen und Investoren wird häufig angenommen, dass steigende Energiepreise grundsätzlich den Wert von Öl- und Gasvermögen erhöhen. Tatsächlich können höhere Verkaufspreise die Einnahmen von Förderunternehmen erheblich verbessern. Voraussetzung ist jedoch, dass entsprechende Mengen tatsächlich produziert und verkauft werden können.

Bei Raffinerien ist die Rechnung komplexer. Hohe Dieselpreise können ihre Erlöse steigern, während gleichzeitig teures Rohöl, steigende Energiekosten und hohe Frachtraten die Gewinne belasten. Besonders wertvoll können unter diesen Bedingungen Anlagen sein, die unterschiedliche Rohölsorten verarbeiten und ihre Produktion flexibel auf stärker nachgefragte Produkte ausrichten können.

Auch Lagerkapazitäten gewinnen bei knappen Beständen an Bedeutung. Sie ermöglichen es Unternehmen, Lieferunterbrechungen zeitweise auszugleichen und auf kurzfristige Marktveränderungen zu reagieren.

Eine hohe physische Kapazität bedeutet allerdings noch keinen automatisch höheren Unternehmenswert. Entscheidend bleiben Auslastung, laufende Kosten, technische Zuverlässigkeit und die erwarteten Erträge über die wirtschaftliche Nutzungsdauer.

Hinzu kommen politische Risiken. Handelsbeschränkungen können bestehende Absatzmärkte verändern oder neue Kosten verursachen. Umgekehrt können Lockerungen wirtschaftliche Möglichkeiten eröffnen, ohne die zugrunde liegenden Produktionsprobleme zu beseitigen.

Für die Bewertung von Rohstoffanlagen reicht deshalb der Blick auf den aktuellen Marktpreis allein nicht aus.

Die Dieselknappheit könnte bis 2027 anhalten

Die Internationale Energieagentur erwartet für die kommenden Monate zwar eine teilweise Erholung der weltweiten Raffinerieproduktion. Im Oktober soll die globale Rohölverarbeitung zunächst auf rund 81,3 Millionen Barrel pro Tag zurückgehen und anschließend bis zum Jahresende wieder auf etwa 84,6 Millionen Barrel täglich steigen.

Die zusätzliche Produktion könnte im ersten Quartal 2027 vorübergehend zu einem Überschuss bei Diesel und Gasöl führen. Doch nach Einschätzung der IEA wäre dieser nicht ausreichend, um die im Jahr 2026 aufgelaufenen Versorgungsdefizite vollständig auszugleichen.

Die Märkte könnten deshalb bis weit in die zweite Jahreshälfte 2027 angespannt bleiben. Dabei hängt die Entwicklung besonders von der Wiederherstellung der Raffinerieproduktion und der Kraftstoffexporte aus dem Nahen Osten ab.

Die Prognose unterliegt erheblichen Unsicherheiten. Weitere Angriffe auf Energieanlagen, Störungen wichtiger Seewege oder unerwartete Produktionsausfälle könnten die Lage verschärfen.

Umgekehrt könnten eine stabilere geopolitische Situation, zusätzliche Raffineriekapazitäten und eine schwächere Nachfrage die Versorgung schneller verbessern.

Die politische Lösung trifft auf physische Grenzen

Trumps Sanktionsentscheidung verändert die rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des internationalen Energiehandels. Sie kann bestimmten Marktteilnehmern neue Geschäfte ermöglichen und die Erwartungen an künftige Liefermengen beeinflussen.

Für Russland eröffnet die amerikanische Sonderregelung zusätzliche Absatzmöglichkeiten. Allein die zunächst angekündigten 300.000 Tonnen Diesel hätten nach einer Reuters-Berechnung einen Verkaufswert von ungefähr 400 Millionen Dollar. Das entspricht allerdings nicht zusätzlichen Staatseinnahmen in gleicher Höhe.

Ob die Lockerung die internationalen Kraftstoffpreise tatsächlich spürbar senken kann, ist eine andere Frage.

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