Rohstoffe

Europas Rohstoff-Rebellion

Mit 46 neuen strategischen Projekten will die EU unabhängiger von China werden. Doch zwischen Rohstoffvorkommen und eigener Produktion liegen Milliardenrisiken

9 Min.

12.10.2026

Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter (links) zu Besuch bei JT Energy Systems. Das Unternehmen produziert und recycelt Lithium-Ionen-Batterien – ein Beispiel dafür, wie Deutschland eigene Rohstoffkreisläufe aufbauen und seine Importabhängigkeit verringern kann.

Lithium aus dem Erzgebirge, Batterierecycling in Nordrhein-Westfalen und neue Produktionsanlagen für strategische Industriemetalle: Die Europäische Union will ihre Abhängigkeit von internationalen Rohstofflieferanten verringern. Am 9. Oktober hat die EU-Kommission 46 weitere Projekte als strategisch wichtig eingestuft. Acht davon befinden sich in Deutschland. Für ihre Umsetzung werden voraussichtlich rund 21,1 Milliarden Euro benötigt. Die Offensive zeigt, wie ernst Europa die Versorgung mit kritischen Rohstoffen inzwischen nimmt. Sie macht aber auch deutlich, wie schwierig es ist, aus politischem Willen tatsächlich industrielle Unabhängigkeit zu schaffen.

46 Projekte gegen eine gefährliche Abhängigkeit

Europa besitzt leistungsfähige Automobilhersteller, Chemiekonzerne, Maschinenbauer und Technologieunternehmen. Doch zahlreiche Rohstoffe, die diese Industrien benötigen, stammen aus dem Ausland.

Besonders ausgeprägt ist die Abhängigkeit bei bestimmten kritischen Mineralien und ihren Verarbeitungsstufen. China besitzt hier eine starke Marktposition, etwa bei Seltenen Erden und den daraus hergestellten Komponenten für Permanentmagnete. Diese Materialien werden unter anderem für Elektromotoren, Windkraftanlagen, Elektronik und militärische Technologien benötigt.

Die Europäische Kommission will die Versorgung deshalb stärker diversifizieren. Am Freitag hat sie eine zweite Auswahlrunde strategischer Rohstoffprojekte abgeschlossen.

Insgesamt 46 Vorhaben in 16 Mitgliedstaaten erhalten den Status eines strategischen Projekts nach dem europäischen Critical Raw Materials Act. Die Auswahl umfasst 15 der 17 strategischen Rohstoffe, die im Gesetz besonders berücksichtigt werden.

Nach Angaben der Kommission wurden acht reine Gewinnungsprojekte, elf Verarbeitungsvorhaben und 19 Recyclingprojekte ausgewählt. Hinzu kommen acht integrierte Vorhaben, die mehrere Stufen der Rohstoffverarbeitung miteinander verbinden.

Damit setzt Brüssel nicht ausschließlich auf neue Bergwerke. Die EU möchte die gesamte industrielle Wertschöpfungskette stärken – von der Gewinnung über die Weiterverarbeitung bis zur Rückgewinnung aus gebrauchten Produkten.

21 Milliarden Euro sind noch nicht finanziert

Der wirtschaftliche Umfang ist erheblich.

Nach Angaben der Europäischen Kommission benötigen die 46 neuen Projekte voraussichtlich Investitionen von insgesamt rund 21,1 Milliarden Euro. Diese Summe ist jedoch keine bereits zugesagte EU-Förderung. Sie beschreibt den erwarteten Kapitalbedarf der Vorhaben.

Der Status als strategisches Projekt erleichtert den Zugang zu möglichen Finanzierungsquellen, garantiert aber weder einen Kredit noch einen staatlichen Zuschuss.

Die Kommission will Projektentwickler unter anderem bei der Suche nach Investoren und Abnehmern unterstützen. Ein wesentliches Problem bleibt bestehen: Rohstoffprojekte benötigen häufig hohe Anfangsinvestitionen, bevor überhaupt Einnahmen erzielt werden können.

Die Erkundung von Lagerstätten, technische Untersuchungen, Umweltprüfungen und der Bau industrieller Anlagen können sich über Jahre erstrecken. Gleichzeitig schwanken die Weltmarktpreise vieler Rohstoffe erheblich. Sinken die Preise während der Entwicklungsphase, können Projekte wirtschaftlich unattraktiv werden, selbst wenn ihre strategische Bedeutung unverändert hoch ist.

Wie schwierig die Finanzierung bereits ausgewählter Vorhaben sein kann, zeigt die erste Projektrunde aus dem Jahr 2025.

Die EU hat nach eigenen Angaben inzwischen mehr als zwei Milliarden Euro an finanzieller Unterstützung für strategische Rohstoffprojekte mobilisiert. Dennoch warnen Projektentwickler nach Recherchen von Reuters, dass einzelne Vorhaben ohne zusätzliche Mittel scheitern könnten.

Die neue Projektauswahl ist daher ein industriepolitischer Schritt, aber noch keine Garantie für den Bau der geplanten Anlagen.

Deutschland erhält acht strategische Projekte

Besonders stark vertreten ist Deutschland.

Acht der neu ausgewählten Vorhaben liegen in der Bundesrepublik. Kein anderer Mitgliedstaat erhielt in dieser Auswahlrunde mehr Projekte.

Sie umfassen unter anderem die Gewinnung und Verarbeitung von Lithium in Sachsen und Sachsen-Anhalt sowie das Recycling von Kupfer, Lithium, Batteriematerialien und Permanentmagneten.

Vier der acht deutschen Vorhaben gehören zum Recyclingbereich.

Ein Beispiel ist das Lithiumprojekt im sächsischen Zinnwald nahe der tschechischen Grenze. Dort soll Lithium aus einer heimischen Lagerstätte gewonnen werden. Das Metall gehört zu den zentralen Ausgangsstoffen für zahlreiche heute eingesetzte Batterietechnologien.

Ein weiteres Vorhaben betrifft die Lithiumgewinnung aus Thermalwasser im Raum Salzwedel in Sachsen-Anhalt. Solche Verfahren sollen Lithium aus mineralhaltigen Tiefenwässern erschließen und unterscheiden sich technisch vom klassischen Abbau fester Erze.

Hinzu kommen Recyclingvorhaben, etwa im Bereich der Batterierohstoffe in Aachen und bei der Rückgewinnung industriell nutzbarer Metalle. Die Projekte zeigen, dass die deutsche Rohstoffstrategie zunehmend über den Import fertiger Vorprodukte hinausgeht. Ziel ist es, zumindest einen Teil der benötigten Rohstoffe wieder im eigenen Wirtschaftsraum zu gewinnen, aufzubereiten oder zurückzugewinnen.

Warum Recycling zur strategischen Industrie wird

Von den 46 neuen Projekten entfallen 19 vollständig auf diesen Bereich. Weitere fünf verbinden Verarbeitung und Recycling. Das hat einen wirtschaftlichen Hintergrund.

Viele Rohstoffe gelangen bereits heute über Batterien, Elektronikgeräte, Maschinen oder Fahrzeuge nach Europa. Am Ende ihrer Nutzungsdauer enthalten diese Produkte weiterhin wirtschaftlich verwertbare Metalle. Wer sie zurückgewinnen kann, muss nicht für jede neue Produktion ausschließlich auf frisch abgebaute Rohstoffe zurückgreifen.

Für Unternehmen ergeben sich daraus neue Geschäftsmodelle. Neben Bergbaugesellschaften und Metallproduzenten gewinnen spezialisierte Recyclingbetriebe und Anbieter von Trenn- und Aufbereitungstechnologien an Bedeutung.

Allerdings sind die technischen Anforderungen erheblich. Nicht jedes Material lässt sich wirtschaftlich oder in gleichbleibender Qualität zurückgewinnen.

Bei komplexen Batterien müssen beispielsweise unterschiedliche Bestandteile getrennt, aufbereitet und für eine erneute industrielle Verwendung qualifiziert werden. Zudem stehen ausreichende Mengen gebrauchter Produkte nicht immer genau dann zur Verfügung, wenn die Nachfrage nach den enthaltenen Metallen wächst.

Recycling kann neue Rohstoffquellen erschließen und Importabhängigkeiten reduzieren. Es kann den Bedarf an Primärrohstoffen aber insbesondere in schnell wachsenden Industrien nicht vollständig ersetzen.

Die EU setzt sich ehrgeizige Ziele für 2030

Die gesetzliche Grundlage der Offensive ist der 2024 in Kraft getretene Critical Raw Materials Act. Bis 2030 sollen die europäischen Kapazitäten bei strategischen Rohstoffen mehrere Zielwerte erreichen.

Die EU möchte Rohstoffe in einer Größenordnung gewinnen können, die mindestens zehn Prozent ihres jährlichen Verbrauchs entspricht, soweit die vorhandenen Lagerstätten dies ermöglichen. Bei der Verarbeitung soll die europäische Kapazität mindestens 40 Prozent des Bedarfs abdecken, beim Recycling mindestens 25 Prozent.

Zusätzlich soll bei jedem strategischen Rohstoff auf einer relevanten Verarbeitungsstufe grundsätzlich nicht mehr als 65 Prozent des EU-Verbrauchs aus einem einzigen Drittstaat stammen. Diese Ziele zeigen, dass die Europäische Union keine vollständige Selbstversorgung anstrebt. Es geht vielmehr darum, besonders hohe Abhängigkeiten abzubauen und die Versorgung auf mehrere Länder und Produktionsstandorte zu verteilen.

Die neue Projektrunde könnte nach Einschätzung der Kommission wesentlich dazu beitragen, die angestrebten Kapazitäten bei Lithium, Nickel, Seltenen Erden, Magnesium und Wolfram aufzubauen. Allerdings handelt es sich dabei um erwartete Beiträge der ausgewählten Projekte. Ob diese tatsächlich erreicht werden, hängt von deren erfolgreicher Umsetzung ab.

Schnellere Genehmigungen sollen den Unterschied machen

Ein entscheidender Vorteil des strategischen Status sind verkürzte und besser koordinierte Genehmigungsverfahren. Für neue Gewinnungsprojekte sieht der Critical Raw Materials Act grundsätzlich einen Zeitrahmen von höchstens 27 Monaten vor. Bei Vorhaben, die ausschließlich die Verarbeitung oder das Recycling betreffen, beträgt er im Regelfall 15 Monate.

Diese Fristen gelten für den gesetzlich definierten Genehmigungsprozess. Bestimmte Verfahrensabschnitte, etwa die Erstellung eines Umweltverträglichkeitsberichts durch den Projektentwickler, werden dabei nicht mitgerechnet. Auch gesetzliche Ausnahmen sind vorgesehen.

Die Beschleunigung bedeutet deshalb nicht, dass jedes Bergwerk nach spätestens 27 Monaten betriebsbereit wäre. Nach Angaben der Kommission hatten von den bereits 2025 ausgewählten Vorhaben bis Anfang Oktober 25 Projekte ihre Umweltverträglichkeitsprüfung abgeschlossen und 17 eine Baugenehmigung erhalten.

Das zeigt Fortschritte, aber auch den Abstand zwischen politischer Einstufung und industrieller Produktion. Die EU betont ausdrücklich, dass Umwelt-, Sozial- und Governance-Standards durch die verkürzten Verfahren nicht abgesenkt werden sollen. Bei Bergbauprojekten bleibt die Abwägung zwischen wirtschaftlicher Versorgungssicherheit und lokalen Umweltinteressen eine zentrale Herausforderung.

China lässt sich nicht einfach ersetzen

Hinter der europäischen Rohstoffstrategie steht ein geopolitisches Problem.

Viele kritische Rohstoffe werden zwar in mehreren Weltregionen gewonnen. Ihre Weiterverarbeitung konzentriert sich jedoch bei bestimmten Materialien auf wenige Länder. China hat insbesondere in der Verarbeitung Seltener Erden und bei Komponenten für Batterien und Elektromotoren bedeutende industrielle Kapazitäten aufgebaut.

Diese Marktposition ist nicht allein eine Frage vorhandener Lagerstätten. Sie beruht ebenso auf jahrzehntelangen Investitionen, technologischem Know-how, industrieller Infrastruktur und gewachsenen Lieferbeziehungen. Neue europäische Bergwerke lösen das Problem daher nur teilweise. Wer beispielsweise Lithium gewinnt, benötigt anschließend geeignete Anlagen zur Aufbereitung und Herstellung nutzbarer Batterievorprodukte. Fehlen diese Verarbeitungsstufen, kann die Abhängigkeit an anderer Stelle der Lieferkette bestehen bleiben.

Die neue EU-Auswahl setzt deshalb ausdrücklich auf Projekte entlang mehrerer Produktionsstufen. Der Anspruch, wirtschaftlich unabhängiger von China zu werden, bedeutet dabei nicht, sämtliche Handelsbeziehungen abzubrechen. Strategisch wichtiger ist es, Alternativen aufzubauen, damit einzelne Lieferbeschränkungen nicht ganze industrielle Wertschöpfungsketten gefährden.

Wer trägt das wirtschaftliche Risiko?

Für Rohstoffunternehmen und Investoren entstehen aus der europäischen Offensive neue Chancen. Die Einstufung als strategisches Projekt kann politische Sichtbarkeit schaffen, Genehmigungsverfahren erleichtern und Finanzierungsgespräche unterstützen. Sie verändert jedoch nicht automatisch die Wirtschaftlichkeit des jeweiligen Geschäftsmodells.

Ob eine Mine, eine Raffinerie oder eine Recyclinganlage rentabel betrieben werden kann, hängt unter anderem von Rohstoffpreisen, Energiekosten, technischen Verfahren, Transportwegen und langfristigen Abnahmeverträgen ab. Hinzu kommt die Konkurrenz internationaler Anbieter, die teilweise bereits über große Produktionskapazitäten und eingespielte Lieferketten verfügen. Für europäische Projekte können höhere Bau-, Energie- und Betriebskosten zum Problem werden.

Der strategische Nutzen einer heimischen Rohstoffproduktion ist deshalb nicht zwangsläufig identisch mit ihrer kurzfristigen betriebswirtschaftlichen Rentabilität. Daraus ergibt sich eine schwierige wirtschaftspolitische Frage: Wie viel öffentliche Unterstützung ist gerechtfertigt, um die Versorgungssicherheit einer gesamten Industrie zu erhöhen?

Die EU versucht, private Investitionen durch bessere Rahmenbedingungen und gezielte Fördermöglichkeiten anzustoßen. Ob dies ausreicht, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen.

Stefanie S. Klief

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